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Freitag, 16. Mai 2025

Dornenketten

Dort, wo die Steine schlafen
Wo das Salz die Erde tränkt
Und wo Verwesung Bäume nährt
Dort hast du dich hinverzehrt

Dort, wo das Licht verdunkelt
Ohne Wolken am Firmament
Und wo alle Hoffnung im Loch versinkt
Dort hast du dich hingesehnt

Dort, wo die Sterne verblassen
Wo die Zeit dich zersetzt
Und wo nasser Dreck dich erstickt
Dort hast du mich verlassen

Ein kleines Leben ist vergangen
Seit du dich fort begabst
Seit du dein Versprechen brachst
Seit du dort im Dunkeln lagst

Nichts als dein Echo hallt in mir
Dornige Ketten an einer besseren Zeit
Ich kann sie nicht zerbrechen
Während sie mich täglich zerstechen

Und so sitze ich blutend hier bei dir
Schreibe mit meinen Tränen auf Papier
Beichte dir meinen Kummer
Doch du währst in stillem Schlummer

Ein Leben hast du genommen
Aber zehn zerstört
Und meine Schreie entronnen
Ungehört

Bist du glücklich dort, wo du nun bist?
Geht es dir besser, tief unten zerdrückt?
Mich ließt du oben zurück
Zerstört, gebrochen, verrückt

Dort, wo mein Blick dich das letzte Mal barg
Kalt, regungslos und verblasst
Dort hast du dich hingesehnt
Dort, in deinen Sarg.


- Lupus Terre

Donnerstag, 15. Oktober 2015

Gedankenströme II

Stille.

Endlos.

Und alles verschwimmt.


Den Schmerz nicht mehr ertragend, unfähig mit ihm umzugehen und den weiten Ranken seiner maliziösen Auswirkungen nicht mehr entkommend;
- hechelnd von einer Ablenkung zur nächsten.

Bloß nicht nachdenken.
Nicht denken.
Nicht erinnern.
Nicht träumen.

Am liebsten jede einzelne Zelle des Gehirns abschalten, vielleicht nur noch vegetieren, nichts weiter als auf die Funktionsweise des Metabolismus beschränkt, in irgendeinen Käfig gesperrt werden und geistlos auf das bedeutungslose Ende warten.
Ein Mittelweg, um denen gerecht zu werden, die einem noch nicht vollends egal geworden sind, und der Abscheu gegenüber allem, was existiert, insbesondere einem selbst.

Herausforderungen, an denen man einst so vielversprechend zu wachsen schien, zerbrechen zu einem Haufen zerschlagener Illusionen; erkennend, dass man jedes Mal ein weiteres Stück mehr kaputt gegangen ist.
Und kaum regt sich das Gemüt zu einem winzigen Funken Hoffnung und Enthusiasmus, wird dieser doch sogleich von dem zähen, dicken - mal grauen, mal schwarzen - Nebel erstickt und man bleibt am Boden kleben, auf dem man zuvor gnadenlos zerschellte.

Alles ist so bedeutungslos.

Was nützt noch Wehklagen, Gejammere und läppisches Rumheulen? Was nützen all die Anstrengungen, die man unternommen hat, um die Schatten, die sich den eigenen selbstzerstörischen Klauen entrissen haben, zu bändigen?

Nichts hilft.
Nichts wird besser.
Egal, was man auch tut.
Es wird alles bloß schlimmer.

Den Mund unlängst dusselig geredet, müde und motivationslos noch irgendetwas - selbst banalstes - auszusprechen, oder zu tun, lustlos auch nur einen einzigen weiteren sinnlosen Atemzug im Sumpf der dekadenten Lethargie zu tätigen, bekommt man vielleicht noch hier und da Mut zugesprochen, oder eine helfende Hand gereicht. Doch man selbst kann dafür nicht mehr erübrigen als mit Mühe zusammengekratzte - womöglich geheuchelte - Worte der Dankbarkeit und Wertschätzung - allerdings mit dem Vorbehalt der Ablehnung; denn zu oft hat man genau das schon erlebt und versucht. Wie ein Wahnsinniger, der in irrtümlicher Erwartung eines anderen Ergebnisses, stets ein und das selbe immer und immer und immer wieder tut. Aber irgendwann - wenn man sich bereits in einem Zustand befindent, der kaum noch als "Depression" bezeichnet werden kann, da man darüber längst hinaus ist und sich in einem emotionalen Brachland die Beine gebrochen hat, in dem weit und breit nichts und niemand ist, was auch nur im Geringsten eine realistische Möglichkeit auf Besserung versprechen kann - hat man einen Punkt erreicht, ab dem auch jener Wahnsinn nicht mehr nützt, um einem den Antrieb und das Gefühl für Leben zu geben. Man sackt ausgelaugt, erschöpft, sämtlicher Energien beraubt zusammen und verkommt zu etwas, das nicht mehr ist als ein lebloser Klumpen Fleisch.

Recht früh geraten auch jene erst so freundlichen und hilfsbereiten Menschen an ihre Grenzen und verharren aufgrund Ahnungslosigkeit in Machtlosigkeit, sodass sie einen nur noch mitleidig ansehen können; als ob man von Mitleid nicht schon mehr als genug hätte, da man viel zu viel Zeit auch damit vergeudet hatte in erbärmlichen Selbstmitleid zu versinken. Doch es ist nicht ihr Fehler, sie können nichts dafür.

So verstummen auch ihre Stimmen.

Und das einzige noch hörbare, ist der chaotische Sturm der Gedanken - wenn er denn da ist. Denn ansonsten herrscht auch im Geiste nur eine unsagbar breite und stickige Leere.

Die Wahrnehmung trübt sich, als würde man von einem depersonalisierenden Schleier umhüllt werden und schleichend den Bezug zur Realität verlieren, sodass man sich letztlich in einer eigentümlichen Zwischenwelt verirrt, welche einen vergessen lässt, wer man ist und wer all die Gesichter um einen herum sind. Ebenso verliert man sein Gefühl für sich und seine Umwelt, als würde man die biologischen Signalleitungen kappen. 
Alles relativiert sich, alles wird uninteressant, unwichtig, unbedeutend, egal.
Man ist präsent, aber doch nicht da. Körper und Geist getrennt. Das eine nur noch ein entseeltes Tier, das andere scheinbar ausgelöscht, doch verloren in endloser Finsternis.
Und das schlimmste dabei ist: Es ist einem egal, dass einem alles egal wird.

Ohnehin darin bestrebt nicht mehr zu denken und nicht mehr zu sein; ein passiver Beobachter seiner selbst. 
Stumm und taub.

Auch die Menschen, die man einst liebte und die einem wichtig waren, verlieren daher an Bedeutung. Der Bezug zu ihnen schwindet, man schweigt nur noch und findet nach einiger Zeit lediglich den Staub, zu dem die gemeinsamen Chroniken zerbröselt sind. Und das oft sogar bloß einseitig.
Denn man zieht sich zurück, sperrt sich ein in seinem ersehnten Käfig, meidet den Kontakt und versucht bewusst, oder unbewusst mit den Schatten zu verschmelzen. Und wenn sich doch eine kurze Interaktion ergibt, flüchtet man, versucht ein baldiges Ende dieser zu erwirken. Denn wenn nicht die Lethargie der Grund dafür ist, so ist es Ekel. Man ist angewidert von jenen - wenn nicht allen - Menschen und letztlich von sich selbst, da sie einen an die Dinge erinnern, die man vergessen will. Sie sind Teil dessen, weshalb man nicht mehr denken will. Obgleich so manchen von ihnen keine direkte Verantwortung und damit Schuld zulasten gelegt werden kann, sind sie dennoch unfreiwillig damit verknüpft.

Manchmal verfängt man sich dann wieder in "Was wäre wenn...?"-Fragen und bereut viele seiner Entscheidungen vielleicht, da es irgendwo noch einen kümmerlichen Rest dessen gibt, wer man einst war, und dies Grund genug dafür ist, sich bessere Zustände zu erträumen.
Doch dann sind da wieder das Angewidertsein und die Lethargie.

Letztenendes macht es sowieso keinen Unterschied.
Wir enden, wie wir begonnen haben: bedeutungslos.

Was bleibt einem dann also noch anderes Übrig, als das jämmerliche und bedeutungslose Ende herbeizusehnen?

Nichts mehr sehen.
Nichts mehr hören.
Nichts mehr fühlen.
Nicht mehr denken.
Nicht mehr sein.

Und dennoch macht man weiter, zwingt sich durch den nächsten sinnlosen Atemzug, würgt das nötigste an Nahrung herunter, um nicht zu krepieren, da der kümmerliche Rest es ist, welcher einem noch irgendwo einen Grund gibt weiterzumachen. Aber nicht aus allzu persönlichem Wunsch, sondern um diejenigen, die einem bis dahin noch nicht egal geworden sind, nicht so unverzeihbar zu verletzen.

Man findet sich damit ab in eine Welt abzudriften, welche nicht die ist, in welcher die anderen leben, und führt nur eine Farce auf, um zu suggerieren, dass alles schon irgendwie in Ordnung sei.
Vielleicht kann man sich darauf festfahren zu einer seelenlosen Arbeitsmaschine zu mutieren. Nur noch funktionieren, wie es erwünscht, oder erwartet wird, doch ohne jeden Elan, ohne mit seinem Geist und seinem Herz wirklich dabei zu sein. Hauptsache man springt nicht vor den nächsten einfahrenden Zug.
Seelisch tot, aber biologisch am leben.
Ein Seelenzombie im Alltag. Das Hirn, den Verstand, die Persönlichkeit und den Charakter irgendwo tief unter der Dunkelheit unauffindbar begraben.

Irgendwann hat der Mist eh ein Ende.


~ Lupus Terre


Donnerstag, 6. August 2015

Neue Rosen

Die Seele gefangen in fremder Haut
Schmerz versteckt vom lächelnden Gesicht
Die Sehnsucht der Angst ins Antlitz schaut
Wille gefriert Schicht um Schicht

Klanglos, farblos die Unsichtbare schneidet
das Fleisch - verfault, vermodert, verdirbt
Der neue Tag das Gefühl ausweidet
Still und heimlich das Menschlein stirbt

Das Messer - Werkzeug morbider Kunst
- malt rote Blumen in die Glieder
Alte Narben erneut verhunzt
Wehmut wimmert Trauerlieder

Qualvoll sprengt das innere Geschrei
die letzten Fundamente, das letzte Fort
Zerdrückend schwer, doch nie vorbei
Verbrennen Sakramente mit einem Wort

Krank umklammert, nach Erlösung verzehrt
- bekam ein neues Herz geschenkt
Wie ein Fremdkörper abgestoßen und abgewehrt
- von Reue durchtränkt

Jede Nacht Leib und Liebe schänden
Keine Freiheit, keine Flucht
Fingernägel in zerkratzten Wänden
Verbleibend in Agonie und Todsucht

Nur Gesichter im Gedächtnis stehen
wie Schemen gebadet in Neurosen
vergeblich nach Vergebung flehen
Einsam wachsen jene Kirchhofrosen


~ Lupus Terre



Sonntag, 19. Juli 2015

Sphären der Vergänglichkeit: Trostflut

Blut. Tränen. Regen. Und das unablässige Peitschen des Meeres. Das waren Dinge, die er ignorierte, denn für ihn zählte nur eines. Seine Frau war tot.
"Valëza, nein! Nein, nein, nein, nein, nein.... Wieso nur?", wimmerte er leise vor sich hin, an der Leiche seiner Frau kniend. Seine Welt war für ihn zusammengebrochen. Und er weinte Tränen auf sie herab. Salzige Tränen des Verlustes, die der Regen nicht hinfortspülen konnte.
Das Blut seiner Frau quellte aus ihrer Wunde. Längst hatte es auf dem hölzernen und verwahrlosten Boden des Steges eine Pfütze gebildet, die vom Regen verdünnt auch hinab in das dunkle Meerwasser tropfte.
So viele Jahre tiefer Liebe, Freundschaft und Leidenschaft von den Fluten der Zeit hinfortgespült.
Korab, ihr Ehemann, drückte ihren Kopf fest an sich, betete zu allen Göttern in allen Himmeln und auf allen Erden, dass dies nur ein Alptraum sei aus dem er erwachen würde. Er flehte mit jeder Faser seines Körpers in die Zeit zurückreisen zu können, um den Mord an seiner Frau zu verhindern. Der mittvierzige Mann wollte es nicht wahrhaben. Immer und immer wieder flüsterte, sprach und schrie er in Gedanken, Sie ist tot! Sie ist tot, sie ist tot! SIE IST TOT!!! Oh mein Gott, sie ist tot..., und verstand es dennoch nicht. Vor einem Augenblick war sie noch da, schenkte ihm eines dieser Lächeln, weswegen er sich unter anderem vor über 20 Jahren gleich in sie verguckt hatte. Sie standen dieses Jahr wieder auf diesem Steg am Meer, an dem es damals zu ihrem ersten Kuss kam, standen im Regen, doch das machte ihnen nichts. Sie waren glücklich, so viele Jahre lang waren sie glücklich miteinander. Und im nächsten Augenblick donnerte aus dem Nichts ein Instrument des Todes hervor. Eine Pistolenkugel durchbohrte ihre Brust und plötzlich - kaum einen Lidschlag danach - tränkte Blut die weiße Bluse seiner geliebten Frau Valëza in einem frischen und satten Rot. Die Sekunden, in denen sie dann zu Boden fiel, vergingen für Korab wie Minuten. Aus allen Wolken gerissen, geschockt und mit diesem grausamen Ereignis überrascht, verlor er seine Befähigung wahrzunehmen und zu verstehen, was doch direkt vor ihm geschehen war. Mit seinen braunen Augen sah er alles. Er sah das Blut, wie es mit jedem von Valëzas verbliebenen Herzschlägen hinausströmte, sah, wie sie die Kraft in ihren Muskeln verlor und ihre letzten Atemzüge zusammengesackt auf dem harten und durchnässten Holzboden des Bootssteges machte, ehe sie der Lebenshauch, mit offenem Mund und den Augen auf ihren Seelenverwandten gerichtet, verließ. Jedoch erreichte diese hautnahe Todesbotschaft nicht die Tiefen seines Bewusstseins. Wie angewurzelt und in Trance blieb er erst stehen und starrte vollkommen entgeistert auf den noch warmen, aber leblosen Leib seiner Frau zu seinen Füßen. Erst, als er hörte wie ein Wagen über den Kiesstrand in die Ferne flüchtete, begann er zu begreifen, was sich eben vor seinen Augen abgespielt hatte.
Sie starb und jemand hatte sie ermordet. "Wie kann das sein? Wieso sollte jemand so etwas schreckliches tun?", schluchzte Korab, immer noch gegen die gnadenlose Wahrheit ankämpfend.
Valëza war für ihn alles. Sie war seine Welt, sein Zuhause, seine Vergangenheit und auch seine Zukunft. Mit keinem anderen Menschen fühlte er sich je derart verbunden. Kein anderer Mensch war ihm je so wichtig wie sie. Mit ihr verlor er einen sehr großen Teil von sich selbst. Die Liebe zu ihr wuchs über all die gemeinsamen Jahre, sie wuchs so stark, dass Valëza für ihn so bedeutsam wie die Luft zum Atmen war. Mehr noch, sie war ihm um ein so Vielfaches wichtiger als er sich selbst. Er hätte alles für sie getan.
Korab wusste, dass sie der Grund war, weshalb er jeden Tag aufs Neue nicht nur mit einem ehrlichen, aufrichtigen und wahrhaft glücklichen Lächeln aufstand, sondern überhaupt den Mut und Willen aufbringen konnte das Leben mit all seinen Einzelheiten in Angriff zu nehmen. Mit Valëza zusammen fiel ihm gleich so vieles einfacher. Dinge, die er sich vormals selbst nie zugetraut hätte, waren nur möglich, weil sie an seiner Seite war, weil sie für ihn da war, weil diese beiden Menschen Partner waren, welche Rücken an Rücken allen Gefahren und Herausforderungen des Lebens trotzten.
Und nun, nun lag sie da. Tot, vom Regen durchnässt, vom Blut gefärbt.
"Sie ist weg. Sie ist weg... Wie kann sie weg sein?", brach Korab mit weiteren Tränen aus, "Verlass mich nicht, Valëza! Lass mich nicht allein zurück! Bitte nicht! Bitte nicht! Bitte sag doch etwas! Bitte!", flehte er.
Das konnte nicht die Realität für den gebrochenen Mann sein. Jedenfalls keine, in der er Leben wollte. Und obwohl er ihren toten Körper in seinen zitternden Armen hielt, und obwohl er den ihm nur allzu bekannten Duft in ihren Haaren roch, und obwohl er spürte, wie der kalte Regen auf ihn niederströmte, wirkte das alles doch noch so befremdlich und unwirklich auf ihn, wie ein Riss in der Realität, der eher einem wahnhaften, kranken Fiebertraum glich, statt des wirklichen Lebens, wie er es gewohnt war.
"Es war doch alles in Ordnung! Wir waren glücklich! Wir haben niemandem etwas getan und waren gute Menschen! Wieso sollte uns das jemand antun? Wieso nur? Wieso?", seine Versuche die Zusammenhänge der Situation zu verstehen, blieben ergebnislos. Zu stark war der Schmerz, der sein Bewusstsein betäubte.
Außer ihr, hatte Korab niemanden. Keine Kinder, keine Freunde und auch sonst keine näheren Bekannten, oder gar Verwandte. Bei Valëza war es nicht anders. Doch die Beiden brauchten auch niemand anderen. Sie hatten sich. Zusammen waren sie allein.
Nun konnte sich der Mann nicht mehr halten und er brach in einem lauten, schmerzerfüllten Heulen aus. Sein ganzer Körper zitterte und verkrampfte sich vor Qual. Deutlich konnte man seine Pein auch in der dysharmonischen Melodie seiner Trauer beben hören. Nie zuvor spürte er so einen Schmerz. Es war die Art Schmerz, bei der selbst die Qualen physischen Traumas verblassen würden. Ein unsäglich tief sitzender und scheußlicher Schmerz, den man nicht einmal seinen schlimmsten Feinden wünschen würde.
In seinem Leben weinte Korab nur als Kind, aber seither nie wieder. Dieses Mal allerdings füllten die Tränen seine Augen solchermaßen, dass er nicht mehr klar sehen konnte. Er umklammerte den Leichnam seiner Frau fest und schrie vor Leid ihren Namen in das endlose, weite Meer hinaus, als ob sie ihn noch hören könnte und zurückkehren würde.
"VALËZA! VALËZA! VALËZA! NEIN!!!"

Mehrere Stunden vergingen, ohne dass Valëzas nun seelisch zerstörter Gatte wahrnahm, wie aus dem Abend die Nacht wurde und wie das Licht zu Schatten zerschmolz. Niemand, außer ihm - mit seiner verstorbenen Geliebten zugegen - hielt sich an diesem Tag und bei diesem degoutanten Wetter am Pier auf. Er wurde ohnehin seit vielen Jahren nicht mehr genutzt und gehörte zu einem längst verwaisten kleinen Fischerdorf, weit abgelegen und verlassen von jedweder größeren Ortschaft.
Längst hatte auch der Regen nachgelassen, ebenso wie Korab keine Kräfte mehr zum Weinen erübrigen konnte. Kühl war es dennoch, zumal der Wind weiterhin fast schon stürmische Wellen trieb. Schwarze Wolken verdichteten sich am Himmel und stahlen jede Möglichkeit einen Blick auf das Sternenzelt zu erhaschen. Selbst das volle Mondlicht drang nur beschwerlich durch die Wolkendecke hindurch. Korab interessierte das nicht. Zwar fror er, zitterte also nicht nur aufgrund des psychischen Traumas, hatte eine sichtliche Gänsehaut, interessierte sich jedoch nicht dafür. All diese Dinge waren ihm vollkommen egal. Katatonisch kniete er da, entkräftet und zerstört, seines Herzens und jeder Möglichkeit eines weiteren Wohlgefühls für immer beraubt. Und er erinnerte sich an den Tag seines und Valëzas ersten Kusses.
Es geschah ebenfalls hier an diesem Pier. Sie waren beide frisch verliebt und trafen sich zu einem romantischen Picknick am Strand. Ein warmer Sommertag mit wolkenlosem, klarem, blauem Himmel machte dieses Rendezvous fast schon zu perfekt. Das Essen konnten sie in gegenseitiger Gesellschaft wunderbar genießen, sie redeten und lachten viel miteinander.
Oh dieses Lächeln, dachte Korab, Sie hatte immer schon so ein wunderschönes und liebliches Lächeln. Ich konnte es mir stundenlang ansehen und davon nicht ermüden.
Die Zeit verstrich wie im Fluge und ehe sie sich versahen, konnten sie den Sonnenuntergang miterleben. Die Lage des Piers war günstig. Bei Sonnenuntergängen konnte man den feurigen Stern im Wasser fern am Horizont, beinahe in einer geraden Linie zum Steg, untergehen sehen. 
Valëza und Korab saßen zu dem Zeitpunkt am Kopfende der hölzernen Meeresbrücke, ließen ihre Füße im angenehm warmen Meerwasser taumeln und beschauten schweigend, aber in vollkommener Harmonie die untergehende Sonne.
Dann, als sie halb im Meer versunken war, richtete Valëza ihre meerblauen und klaren Augen auf Korab, warf ihm wieder jenes Lächeln zu, neigte sich danach vor und küsste ihn schließlich. Es war ein berauschender Augenblick für den damals noch jungen Mann. Er erwiderte ihren Kuss genauso sanft wie sie, so voller Liebe und Wärme, dass es einen Sturm elektrisierender und beglückender Gefühle in ihm auslöste.
Ab jenem Tag waren sie vereint und für über zwanzig Jahre lang ein durchweg glückliches Paar.
Allerdings erwachte Korab wieder aus seinem nostalgischen Traum. Sein Blick fiel wieder auf das leblose Augenlicht seiner Liebsten und kurz darauf folgten erneut Tränen. 
"Ich kann und ich will ohne dich nicht mehr Leben", sprach er und streichelte ihr dabei sanft über die Wangen.
Manch einer hätte Wut und Hass empfunden und würde Rache für solch einen Akt nehmen wollen. Doch nicht Korab. Dinge, wie Rache, oder Hass, hatten keine Bedeutung mehr für ihn, nicht ohne seine Valëza. Es würde ihm seine Geliebte nicht zurückbringen, würde er ihren Mörder zur Rechenschaft ziehen. Zumal Valëza sich niemals gewünscht hätte, dass Korab sich auf einen derart finsterem Pfad begab. Das wusste er mit Sicherheit, denn sie war die Eine. Die Frau und die Liebe seines Lebens, seine Seelenverwandte, seine Göttin, sein Ein und Alles. Und nun ist sie zu Nichts geworden. Nichts weiter mehr, als eine leblose, gefühllose und kalte fleischliche Hülle.
Am Ende sind wir bloß kaltes Fleisch, über das die Wehmut sein Leichentuch mit Laudatio zieht. Und nur ein Schrei von Kummer eilt dann noch der untergehenden Sonne entgegen.
"Vergib mir", drückte er sich nun laut und nicht gedanklich aus, "Aber den anderen Wunsch kann ich dir nicht erfüllen." 
Valëza würde wissen, dass er damit sein Leben meinte. 
"Es gibt nichts lebenswertes für mich auf dieser Welt. Du warst das einzige Feuer, das für mich brannte." 
Korab schob seinen rechten Arm unter ihre Beine und seinen linken unter ihren Oberkörper und hob sie sodann auf, während er sich selbst zeitgleich aufrichtete. Er trug sie zum Strand zurück, nur um dann an der linken Seite des Steges entlang langsam in das kalte Wasser hineinzuwaten.
"Im Tod werden wir uns wiedersehen, geliebte Valëza."

Die Wellen des Meeres peitschten kräftig gegen das Ufer und damit gegen Korab. Als würde Valëza mich aus dem Jenseits aufhalten wollen, kommentierte er dies gedanklich. Doch die Strömung war nicht stark genug, um ihn aufzuhalten, sodass er weiter voran kam und Valëza bereits in das fast schwarze Wasser eintauchte.
"Die Flut wird uns Trost spenden, bis wir wieder vereint sind."
Nun war Korab selbst bereits bis zum Hals im Wasser und zwängte sich weiter nach vorn. 
Welch eine Ironie es doch ist, dass unsere gemeinsame Zeit an genau dem Ort tragisch endet, an dem sie einst so wundervoll begonnen hatte, verbittert waren seine Gedanken.
Kurz bevor das Wasser seinen Mund erreichte, widmete er Valëza seine letzten Worte:
"Ich werde für immer bei dir sein. Ich liebe dich!"

Und dann wehrte er sich nicht gegen die salzigen Wassermassen, welche seinen Mund und seine Nase fluteten. Er ließ es zu. Er atmete es ein; ließ es in seine Lungen strömen und versuchte mit seinen letzten Kräften noch weiter und noch tiefer hinaus in das finstere, schwarze Meer zu tauchen.
Seine Tränen verschmolzen mit dem Meer. Sein Lebensodem gefror. Sein Bewusstsein ertrank.

Die Kälte und tiefe Dunkelheit umhüllte ihn. Das Licht an der Oberfläche verschwand.
Vielleicht täuschte er sich, er war schon nah am Rande des Todes, hatte gerade noch einen letzten Funken von Verstand, doch die Wolken lichteten sich ein wenig und ließen das kalte und weiße Licht des Mondes in das Meer stechen und Korab war überzeugt, dass das letzte, was er vor seinem endgütligen Ableben noch wahrnehmen konnte, das liebliche und süße Lächeln auf dem Gesicht seiner geliebten Valëza war.




~ Lupus Terre



Samstag, 27. Juni 2015

Absprung

Ein Tropfen, zierlich zart; süß, doch schuldig
Das Gefühl zerbricht in versalztem Wasser
Warte, lausche dem Wind geduldig
Sieh, die Welt um dich wird blasser

Hoch gewachsen, doch zu tief versenkt
Und die Haut von Schluchten geziert
So viele Jahre doch dem Nichts geschenkt
Dann Kälte; der Lebensodem gefriert

Sternenfeuer entflammt das Firmament
Das Grün, auf dem es einst gedieh, verwelkt
Der Schatten hat die Seele ertränkt
Ein Blick nach unten, und das Feuer verbrennt

Die alten Ketten aus der Haut gerissen
Rot vom Roste; Rot vom Blut
Schwach, entzweit, vom Geist zerfressen
Nur Erinnerung dann am Steine ruht

Und wo die Trauer einst Sehnsucht hieß
da der Lust der Traum geschah
Und wo der Wahnsinn die Liebe verließ
da der Hass den Tod gebar

Ein letzter Schritt; Flucht auf leerem Grund
Empfange innig die Dunkelheit
Vergebend - das Fleisch doch jung und wund
Die verkannte, verbannte Schönheit

Im Nichts versunken, unendlich fallend
Beschwert, bedrückt, brachial zerhackt
Schreiend gegen das Echo hallend
Erlogen, erfunden, zuletzt versagt

Doch im allerletzten Augenblick
Eine schwarze Rose im Herzen erblüht
Schimmern fällt ins Licht zurück
Die Wehmut obfuskiert verglüht

Blutdurchtränktes Weinen bleibt
Das Lächeln auf Asphalt verteilt
Zitternd drei letzte Worte schreibt:
"Ich war soweit".



~ Lupus Terre


Montag, 1. Juni 2015

Friss, oder stirb!

Am Rande mentaler Stabilität und umzäumt von einer unaussprechlichen Masse an Wahnsinn kauerst du dich in eine sichere, bequeme Ecke deines Verstandes. Du versuchst zu ignorieren, was um dich herum geschieht, versuchst wegzudenken, wie viel Scheißdreck deine Seele zermatert. Ein Selbstschutzmechanismus? Inwiefern ist es Selbschutz sich vollkommen abzuschotten, nichts und niemanden an sich heranzulassen, sich zu verstecken, wie ein feiges Biest, das versucht dem Zorn seines Meisters zu entfliehen? Die Mauern um deine grotesk geschundene Emotionalität baust du auf naive Lügen, unsinnige Annahmen, willkürlicher Irrglaube, das sinnlose Wollen und Wunschdenken, Träumereien eines verstörten Kindes, welches den Anblick eines toten Elternteils versucht zu verdauen.
Was hast du davon? Stelle dir diese Frage und beantworte sie ehrlich! Und damit meine ich nicht den augenscheinlichen, oberflächlichen Grund des angeblichen Selbstschutzes. Das ist eine freche Lüge. Gehe in dich, und versuche herauszufinden, was der Grund für dieses jämmerliche Verhalten ist!
Womöglich erkennst du noch rechtzeitig, dass es eine verderbliche Mixtur aus purer Angst und Überdruss ist. Überdruss an dem sich ewig weiterdrehendem Rad des Lebens, welches dir immer wieder irgendeine neue Hölle reinwürgt, dir immer wieder irgendeinen Bullshit auftischt, den du runterschlucken sollst.
Und du hast Angst davor. Dein Selbst, dein Inneres, deine Seele, das, was andere einst dazu befähigt hatte dich als zusammenhängende und eigenständige Persönlichkeit zu identifizieren, ist mittlerweile zu nichts anderem als einem kümmerlichen, zerfetzten Lumpen Dreck verkommen. Tatsächlich bist du daran nicht mal zwangsweise selber Schuld, doch dir sollte ebenfalls klar sein, dass du aufhören solltest dich in verzweifeltem und wehleidigem Selbstmitleid zu suhlen. Und während du dich zitternd an die letzten Fetzen des Abfalls, den du wie ein blinder Narr dein Selbst nennst, klammerst und festbeißt, weil du Angst davor hast, dass dir auch das noch genommen und in Stücke zerissen wird, entgeht dir eine unabänderliche Wahrheit: Du kannst es absolut nicht verhindern!
Jede Sekunde, die du damit verschwendest den Teil von dir zu retten, der du mal warst, jede Minute, die du damit vergeudest ein neues Loch zu stopfen, dass sich in deine fragile Hülle gefressen hat, jede verfluchte Stunde, die du mit sinnlosen, wahnhaften, und selbstzerstörerischen Gedanken verlierst, verleiht den Monstern und Dämonen in dir nur noch schärfere Zähne und Klauen, um dich Stück für Stück auseinander zu nehmen. Doch dir entgeht das leider. Du drehst dich im Kreis. Es tut mir sehr leid für dich, was du alles hast durchmachen müssen... Glaube mir, ich wünschte so etwas würde dir, mir und so vielen anderen Fleischsäcken auf diesem Planeten nicht widerfahren.
Doch kannst du es ändern? Nein!
Kann überhaupt irgendjemand, irgendetwas an dieser hirnrissigen Tragödie ändern, die wir auf diesem elenden Felsen, in irgendeiner vergessenen Ecke des dunklen und kalten Universums spielen? Nein!
Was bringt es dir dich zu verstecken, dich zurückzuziehen und abzuschotten? Nichts! Du lässt dich dermaßen von deinen Gefühlen der Unzulänglichkeit und deinen Ängsten kontrollieren, dass du vermeidest dich diesen grauenvollen Wahrheiten zu stellen. Ändert sich dadurch etwas? Wird ein Problem auch nur ansatzweise dadurch besser, indem man es ignoriert? Hast du überhaupt irgendeine Veränderung wahrnehmen können, seit du dir diese dämliche Verhaltensweise angeeignet hast? Wohl eher nicht, oder? Wie könntest du denn auch? Denn das würde ja erfordern, dass du deine Augen öffnest. "Aus den Augen, aus dem Sinn"? Fehlanzeige! Du spürst doch auch bei geschlossenen Augen, auch bei geschlossenen Türen, bei abgedichteten Ohren und eingekerkertem Verstand die Höllenqualen, die sich durch das Chaos deiner Gehirnwindungen in die Untiefen deines verstümmelten Herzens bohren! Du versuchst es abzutun, versuchst es auf Gedeih und Verderb nicht wahrzuhaben, du versuchst zu fliehen und wegzulaufen, während du mit den traurigen Resten deiner Kräfte noch versuchst deine Innereien beisammen zu halten und über den löchrigen Asphalt mitzuzerren. Doch egal, wie weit du kommst, egal um wie viele Meter du dich von dem Unwetter entfernt hast, und egal wie lange du in Bewegung bleibst und in welchen Betten du Schutz und Geborgenheit suchst: Es kehrt letztenendes alles immer wieder zu dir zurück. Du bist nie allein und niemals frei. Deine Schatten holen dich immer wieder ein. Das wird sich nicht ändern, solange DU dich nicht änderst.
Und je früher dir das klar wird, desto größer ist deine Chance aus diesem kümmerlichen und bedeutungslosem Stück Scheiße, das man Leben schimpft, noch etwas zu machen, bei dem nicht gleich jedem das Kotzen kommt. Dann hörst du Volltrottel vielleicht endlich mal auf dir selbst in den Schwanz zu beißen und dich wie ein Grenzdebiler im Kreis zu drehen.
Diese elende Existenz wird dir immer wieder emotionale Atombomben zum Dinner servieren, dazu ein Glas gut gegärter Hirnsäure. Dieses verfluchte Leben wird nicht aufhören dich infolgedessen zu zerschlagen und dich zwingen die Trümmerscherben deines vormaligen Selbst in dich hineinzuwürgen. Es wird immer so weiter gehen. Es wird immer wieder brennendes Pech regnen. Es wird immer wieder Dinge geben, die dich zermürben, dich zerkleinern, dich zerfetzen, dich zersetzen, dich zerschlitzen, dich voll und ganz zerstören. Nichts wird besser, absolut nichts! Kapierst du das endlich? Ist dir das klar? Ist dir das bewusst?
Glaube mir, ich kann wohl mehr als alle anderen Arschlöcher auf dieser verfickten Welt nachvollziehen, wie hart das ist, wie elend und ätzend das ist, wie höllisch dieser Schmerz ist und wie schnell einem die Scheiße bis zum Hals steht, sodass man nur noch absolut alles vergessen will, aufhören will zu existieren, weil man keine Lust mehr auf diese Dauerfolter hat, am Ende seiner Kräfte ist, und am Rande eines psychischen Kataklysmus steht, kurz vor einem mentalen und sogar körperlichen Totalausfall. Wie oft hat sich der Tod schon als dein größter Freund vorgestellt..?
Welcher Dachschaden auch immer dich heimsucht - depressiv, suizidal, das ist doch alles scheißegal - du hast nur zwei Möglichkeiten, die dir auch nur im Entferntesten ein Fortkommen versprechen können.
Die eine Möglichkeit kennst du bereits. Du hast oft an sie gedacht. Dich oft danach gesehnt. Der Tod.
Wie oft hattest du schon den Impuls von der nächstbesten Brücke zu springen, oder vor den einfahrenden Zug, vielleicht auch stattdessen die Ausstattung deiner heimischen Küche einer Zweckentfremdung zu unterziehen, die eine ekelhafte Sauerei hinterlassen würde? Und da hörte die Kreativität deiner selbstmörderischen Gedanken sicherlich noch nicht auf.
Klar, das ist für sich genommen eine zunächst logisch klingende Lösung. Stirb, dann ist all das vorbei. Dein Bewusstsein erlischt für immer in der Endlosigkeit des Universums. Man wird dich vergessen. Früher, oder später. Das steht fest. Das steht uns allen bevor. Ein beschissenes Ende, für einen beschissenen Film. Falls du Menschen in deinem Leben hast, die dich lieben, die du vielleicht sogar liebst, so kann ich dir versprechen, dass du der Verantwortliche für eine mindestens ebenso große Hölle sein wirst, wie du sie erlebt hast. Du wirst all jenen ungeheure Schmerzen zufügen. Und während dir selbst in deinen letzten Atemzügen bewusst ist, dass du ein feiges Stück Dreck bist, nicht gewillt die Scheiße zu schlucken, die dir das Leben auftischt, und zugelassen hast dich derart von deinen psychotischen Komplexen einschüchtern zu lassen, dass du diesen - erst logisch klingenden, aber im Nachhinein wirklich dämlichen - Schritt gegangen bist, werden all jene, auf die diese Tat einen Effekt haben wird, ihr Leben lang mit einer tonnenschweren Ladung noch größeren Bullshits als eh schon zu kämpfen haben. Vielleicht scheitern sie selbst sogar irgendwann und folgen deinem Beispiel. Willst du das?
Selbst wenn du niemanden hast und - aus welchen Gründen auch immer - einsam bist (mal abgesehen davon, dass dir sicher klar ist, dass sich auch daran etwas ändern lässt), willst du wirklich dich selbst als das weinerliche Weichei sehen, welches zugelassen hat so zum Opfer seiner Umstände zu werden, dass du diesen bedeuernswerten Schritt unternimmst?
Wünschst du dir das für dich überhaupt?
Jeder Fleischsack auf diesem Felsen möchte doch eigentlich nur eines. Einen kleinen, bescheidenen Tropfen dessen, was sich "Glück" nennt.
Nur deshalb bist du überhaupt da, wo du grade stehst. Du kennst es nicht. Du hast bisher nur in übermäßigem Maße das Gegenteil zu kosten bekommen. Klar, dass du davon die Schnauze gestrichen voll hast. Ich könnte dich jetzt anlügen und dir sagen, dass es besser werden würde, dass sich irgendwann, irgendwie schon alles von selbst richten würde und der Himmel eines Tages auch mal einen Sonnenschein, statt schwarzer Wolken, für dich übrig hat. Doch so wird es nicht sein. Das wird niemals passieren. Nie.
Zumindest nicht, wenn du so weiter machst, wie bisher, und du Trottel vielleicht sogar deine Todessehnsucht verwirklichen willst.
Aber ich möchte dir an dieser Stelle raten nicht so naiv zu sein. Wenn du noch genug Nervenzellen zusammenkratzen kannst, um zu verstehen welche Bedeutung Aneinanderreihungen von Symbolen, wie Buchstaben, versuchen in dein Hirn zu transplantieren, dann ist dir bis hierhin vielleicht mit viel Glück sogar klar geworden, dass es so, wie du es bisher treibst, nicht weitergehen kann. Du verlierst zunehmend die Kontrolle, du kommst nicht mehr dem Flicken deiner Wunden nach. Du verlierst nach und nach dich selbst und wirst zu einem verstümmeltem, nicht näher beschreibbaren Haufen von etwas, das wohl mal irgendwann von einem ehemaligen Du abstammte.
Ich möchte dich auf die zweite Möglichkeit hinweisen, die du ergreifen könntest, um dich aus diesem zerstörerischen Kreis zu befreien: Friss. Friss einfach alles. Friss alles, was dir widerfährt. Friss es! Nähre dich daran! Labe dich daran! Auch, wenn es weh tut und so scheußlich schmeckt wie in Abwasser marinierte faulende Kotzbrocken. Suhle dich darin! Hör auf wegzulaufen, hör auf, es zu ignorieren, hör auf dich zu verstecken, und hab keine Angst! Na los! Komm schon! Friss Scheisse! Du willst es vielleicht nicht, aber es ist der einzige Weg, der dich auch nur ansatzweise aus deinem finsteren Loch ziehen könnte und dich vielleicht mal dorthin führt, wo andere etwas von diesem sagenumwobenen "Glück" kosten konnten. Du wirst Rückschläge erleiden, du wirst leiden. Du wirst vielleicht mal das Glück erleben, ehe es dir wieder genommen wird. Doch dann friss weiter. Schluck die Scheiße runter!
Erst, wenn du gelernt hast zu fressen, kannst du lernen zu verdauen. Und erst, wenn du gelernt hast zu verdauen, kannst du das Gefressene und Verdaute letztenendes ausscheißen und damit endgültig los werden. Aber du bist dann frei davon. Es wird dann nicht mehr in deinem System sein. Es wird dich nicht mehr plagen, es wird dir nicht mehr den Verstand rauben. Nie wieder. Versprochen!
Ich bin der Falsche, um dir zu sagen, wie konkret du das anstellen sollst. Wenn du willst, kann ich aber versuchen dir Rat zu geben und zu sagen, wie ich den aktuellen Bullshit, den mir das Leben serviert, fressen und anschließend verdauen und ausscheiden würde. Vielleicht kannst du mir im Gegenzug dann sagen, wie du das fressen und verdauen würdest, was ich noch lernen muss zu fressen und zu verdauen. Wer weiß. Und ich bin sicher nicht der einzige. Es gibt viele Menschen, die dir sicherlich helfen können und es auch gerne wollen. Es gibt auch speziell dafür ausgebildete Leute. Gehe auf sie zu! Beschreibe ihnen, wonach der Kack schmeckt, vor dem du dich derzeit so ekelst und sie werden dir helfen ihn hinunterzuschlucken und zu verdauen!
Was hast du schon zu verlieren? Du würdest ansonsten doch sowieso früher oder später den Freitod wählen, oder etwa nicht? Sterben werden wir sowieso. Das ist nunmal das traurige und beschissene Ende dieses beschissenen Lebens. Und wenn auch nur der Hauch einer Chance besteht, dass du mit einem kleinen, aber ehrlichen Lächeln abtrittst, dann nutze sie! Dann hat sich all die Mühe gelohnt, dann konntest du deinem bedeutungslosen Leben am Ende vielleicht doch noch einen Funken Glanz und Würde verleihen. Ich rate dir, das zu versuchen. Tue es dirzuliebe! Tue es all den anderen um dich herum zu liebe! Oder tu es nicht und stirb!
Es liegt ganz allein in deiner Hand. Es gibt keinen andere Wahl. Es ist die eine Entscheidung, die niemand anders für dich fällen kann. Nur du ganz allein. Nur du hast die Macht dazu. Egal, wie kaputt und zerstört und am Ende du bist und wie zermodert deine Seele ist. Du musst dich entscheiden.
Friss, oder stirb!


~ Lupus Terre


Dienstag, 30. Dezember 2014

Zweitgeflüster


Der Zweifel plagt wie eine Ratte,
frisst sich kriechend durch Dein Gehirn
Und als ob sie kein Leben hatte,
nagt in Dir auch ihr Gewürm

Kreischend kauerst Du im Dunkeln
Ein dumpfer Schlag verdeckt das Licht
Rote Tränen lassen nur vermuten,
dass in Dir noch etwas and'res sticht

Es ist egal, was ich versuche
Dein Geist und Deine Seele sind entzweit
Und egal, wie viel ich für Dich blute
Dein Herz ist dennoch nie bereit
Hör', wie es schreit,
aus seinen Ketten sich befreit:
Ich liebe Dich nicht!

Nicht mit Engelsschwingen fliegst Du
Doch mit Geröll dem Untergang entgegen
Eine Spirale, die Dich tiefer führt,
tiefer als alles, was ich sehe

Keine Luft in Deiner Kammer
Du schluckst den Staub von Deinen Händen
Im Zwang befangen, ertrunken im Kummer
Deinen Körper wirst Du weiter schänden

Es ist egal, was ich versuche
Dein Geist und Deine Seele sind entzweit
Und egal, wie viel ich für Dich blute
Dein Herz ist dennoch nie bereit
Hör', wie es schreit,
aus seinen Ketten sich befreit:
Ich liebe Dich nicht!

Gedanken kreisen in der Totenstadt umher
Zerren Dich durch schlaflose Nächte, ohne Ziel
Treibst den Wahnsinn, entgegen jeder Wehr
Hämisch lachend spielt das Tier in Dir sein Spiel

Das Genick willst Du Dir brechen
Wie aus Glas zerbrechen, zu tausend Scherben
Willst nicht mehr reden, nie wieder sprechen
Und eigentlich doch nur noch sterben

Es ist egal, was ich versuche
Dein Geist und Deine Seele sind entzweit
Und egal, wie viel ich für Dich blute
Dein Herz ist dennoch nie bereit
Hör', wie es schreit,
aus seinen Ketten sich befreit:
Ich liebe Dich nicht!

Aus weißer Milch war Deine Maske
Das Feuer hat sie weggebrannt
Der Schmerz, er brennt, lässt Dir niemals Frieden
Ein blutender Dorn, der Dein Bewusstsein hemmt

Wie ein Metallgriff, Deine Kehle würgend
In unterdrückter Angst getaucht, für die Du nun zahlst
Zu viele Emotionen, sind ja doch so bürdend
Es ist der Hass, der deine Tränen salzt

Es ist egal, was ich auch suche
Deine Seele ist im Feuer längst verbrannt
Und egal, was ich auch tue
Dein Herz zerfließt wie kalter Sand
Hör', wie es fleht,
aus seiner Asche aufersteht,
was die Welt nicht mehr versteht,
und wie ohne Sinne wild entflammt,
so auch ohne Worte unverkannt:
Ich liebe dich.



by
Lupus Terre



Sonntag, 2. Februar 2014

Septikämie


das licht zerbricht
an meinem schwarzen auge
verteilt sich und lässt stellen aus
sodass nur die schatten bleiben
ein bild der wehmut malen sie
und spielen mit der erinnerung
welche mich einst warm umfloss
und nun an wüstenstein zerschellt

und ich ziehe mich an einen ort zurück
an dem mich niemand findet
und ich baue mir ein schloss der hoffnung
mit tränen aus stein

gefährlich lacht etwas in meinem geist
aus einer tiefe fern heraus
aus einem bodenlosen schwarzen loch
schimmert nun eine fackel auf
und das feuer spricht zu mir
es dringt in mein gehör hinein
und es bohrt unablässig weiter
bis es in meinem herzen ist

und ich ziehe mich an einen ort zurück
fern von allen welten
und baue mir ein dorf der freude
aus leeren särgen

die gewalt wie ein blitz durch den himmel kracht
verwüstet gedanken und zerstört mit wahnsinn
was ich doch einst geliebt hab
aber doch nicht halten konnte
was ich doch einst geliebt hab
aber doch nicht schützen konnte
was ich doch einst geliebt hab
aber doch nicht lieben konnte

und ich ziehe mich an einen ort zurück
der schon längst vergessen war
und baue mir ein haus der träume
in das ich doch nie ziehen werde

bloß ein funken ein bedauern
in der glut der sonne ist
doch sie strahlt ewig weiter
während mich das dunkel frisst
und die seele schreit nicht
sie will kalt verbrennen
wie verschollen zwischen spiegelwelten
finde ich sie nicht mehr wieder

und ich ziehe mich an einen ort zurück
der bereits vernichtet wird
und baue mir einen turm der kraft
für einen funken von bedauern

wo stetig fort der tote hunger ruft
verlangt all die gier nun ihren preis
schmachtet nach dem glanz der illusionen
und breitet verdreckte klauen aus
das blut tropft aus meinem mund
nie begehrt und nur verloren
wird mir etwas noch genommen
das ich als einziges hab bekommen

so ziehe ich mich an einen ort zurück
versteckt und unerreichbar
und baue mir einen steg des lichts
das ich nicht mehr erreichen werde


by
Lupus Terre


Donnerstag, 21. November 2013

Dornen und Tränen


Du fühlst dich wie ein Findelkind
ausgesetzt, allein
Ungewollt und ausgestoßen
trägst du mit dir die Pein

Und als ob das nicht genug wär'
Und dein Leben nicht verflucht wär'
Bist du tief in dir verletzlich
und dein Herz schlägt plötzlich in

Dornen und Tränen
warten auf dich
Dornen und Tränen
regnen auf dich

Und wo früher ein Gefühl war
ist nun nur noch ein Loch
Und wo du einmal zuhaus' warst
bist du nur noch verhasst

Doch wo früher mal dein Herz war,
schlägt nun nichts mehr.

Angeekelt und ausgelacht
quälst du dich durch die Zeit
Blaugeschlagen, fast umgebracht
bekommst du nie Mitleid

Und als ob das nicht genug wär'
Und dein Leben nicht verflucht wär'
Bist du getaucht in Schatten

und badest dich in

Dornen und Tränen

warten auf dich
Dornen und Tränen
regnen auf dich

Und wo früher einst ein Freund war
bleibt dir nur noch die Erinnerung
Und wo du einmal ein Licht sahst
brennst du nun im Höllenfeuer

Doch wo früher mal dein Herz war,
schlägt nun nichts mehr.

Ausgebremst von deiner Wut
bleibst du am Boden liegen
Aufgewühlt und voller Leid
willst du dich nicht mehr lieben

Und als ob das nicht genug wär'
Und dein Leben nicht verflucht wär'
Treten alle auf dich ein
und werfen auf dich

Dornen und Tränen
warten auf dich
Dornen und Tränen
regnen auf dich

Und wo früher mal dein Mut war
findest du nur noch Asche
Und wo du einst aufrecht standest
verrotest du am Boden

Doch das, was einst dein Herz war,
schlägt nun niemals mehr.


by
Lupus Terre
(DLNT)



Donnerstag, 25. Juli 2013

Schattengesang


Schatten sitzen auf der Treppe,
singen Lieder vor sich hin
Singen von verlor'nen Dingen,
ohne Zeitgefühl, ohne Sinn

Fragen nach dem Namen,
ohne den sie geboren wurden
Singen leidvoll, kein Erbarmen,
ohne Geist in ihren Augen

Die Leere sind sie selbst geworden,
nachdem sie des Suchens müde wurden
Erinnern sich nicht, wer sie waren,
wissen nicht, wer sie sind

Und ich gehe hier am Weg entlang,
die Schatten fest im Blick
Und mich erfährt der selbe Drang,
ich halt' ihn nicht zurück

Frage mich nach dem Sinn,
nach der Welt, der Zeit sogar
Frage mich, wer ich bin,
und wer ich vielleicht mal war

Woher habt ihr diese Kraft,
jeden neuen Tag zu sehen?
Was gibt euch euren Sinn,
das Leben stets zu bestehen?

Hatte ich diesen Quell dereinst?
Wusste ich, was er einst war?
War es Liebe? Ist das wahr?
Bist du es, die du um mich weinst?

War es Liebe? Oder Wunsch?
War es Wille, ohne Grund?
Ich erinnere mich nun nicht mehr,
versinke nur im Schattenmeer

Was ist es, das meine Leere nährt?
Was ist es, das mich so leert?
Was ist es, das mein Herz beschwert?
Was ist es, das mich das Leben lehrt?

Viele Dinge habe ich an die Zeit verloren,
welche ich nun des Nachts beweine
Ohne Namen wurde ich auch geboren,
und trage meine Last alleine

Ich wünsch' mir, dass in dieser Welt
jemand voll und ganz zu mir hält
Aber diesen Jemand gibt es nicht
und die Suche ist somit ohne Licht

In dieser Welt, die du begehst,
willst du mit jemandem sein
Doch egal, wie sehr du drum flehst,
am Ende bist du ganz allein

Ist diese Leere Sehnsucht?
Ist sie Frust, Verdruss, oder Lust?
Wächst sie in mir stetig weiter,
solange ich ohne Begleiter?

Die Nacht bricht in meinen Gedanken ein
Wäscht mich nicht von der Leere rein
Und meine Seele wandert durch die Schatten
Will mein altes Ich bestatten

Am Wege hier steh' ich in der Nacht
warte hoffend, dass die Kraft erwacht,
die so viele andere dieser Leben
dazu bringt sich Liebe zu geben

Aber ob das die Leere in mir füllt,
das weiß ich wahrlich nicht genau
Und wenn ich nun doch darauf vertrau',
eine Illusion mich vielleicht umhüllt

So sitz' ich nun auf der Treppe,
die Schatten gleich nebenan
Singe von verlor'nen Dingen,
ohne Sinn, solang' ich kann



by
Lupus Terre
(DLNT)



Sonntag, 31. März 2013

Leere Hüllen

Es ist tiefe Nacht. Alles um dich herum liegt in Schatten. Keine Beweung, kein Atem, kein Leben. Alles schläft. Hält sich in einer Welt auf, die der diesen weit entfernt ist.
Salzwasser tropft auf den Boden.
Es ist eine dieser Nächte.
Eine dieser Nächte, in denen du nicht schlafen kannst. In denen du stundenlang wachliegst, Gedanken in dir strömen, wie zu keinem anderen Zeitpunkt des Tages.
Vor allem Gedanken an die Vergangenheit, welche du auf deine Gegenwart zu prägen versuchst doch nichts anderes erschaffst als leere Hüllen.

Leere Hüllen mit Gesichtern der Vergangenheit. Vergangenen Weggefährten, aber auch Zeugen vertaner Chancen. Sodass nichts dir bleibt außer der bitter salzige Geschmack deiner Tränen auf deiner trockenen Zunge.
In jeder dieser Nächte, welche dich heimsuchen wie eine chronische Krankheit und dich so quälen, als würden sie irgendeinem sadistischen Beobachter größte Freude bereiten, fragst du dich, warum du überhaupt noch weinen kannst, während du deinen heißen Atem, welcher der Versuch eines unterdrückten Schreis ist, im Kissen erstickst.
In jeder dieser Nächte hast du das Gefühl, dass sich dein Innerstes so sehr vor dem Schmerz, den du empfindest, verkrampft, dass es glatt dein Herz zerquetschen würde, gefolgt von deinen Lungen.
In jeder dieser Nächte versinkst du in den Schatten der Nacht, verkriechst dich in einer Ecke deines Zimmers, in der Hoffnung du könntest dich auf diese Weise von der Einsamkeit erretten, welche du seit jenen Ereignissen jeden Tag durchlebst.
Zu keinem anderen Zeitpunkt als in jenem, als in jenen Nächten, fühlst du dich dermaßen einsam und von der Welt verlassen. Du denkst, dass niemand dich versteht, dass niemand deinen Schmerz nachempfinden kann, dass es niemanden gibt, der mit dir jeden dieser Momente durchhält.
Dann versuchst du dich dadurch zu beruhigen, dass du an sich doch gar nicht einsam bist, dass du doch gute Freunde und Familienmitglieder hast, die in deiner Nähe sind, die jederzeit für dich da wären, würdest du ihnen etwas sagen. Aber dann merkst du, dass auch sie nur leere Hüllen sind.
Die "neuen", oder auch alten, besten Freunde, die du dir ernannt hast, mögen vielleicht gute Menschen sein und für dich da sein, aber auch sie sind nur leere Hüllen. Denn selbst, wenn sie den selben Schmerz empfinden können, wie du, werden sie dich eher behandeln wie einen kranken Patienten, ein krankes Kind, das flott geheilt werden muss. Sie werden froh sein, wenn sie es hinter sich gebracht haben, aber du weißt, dass es nur ein temporärer Effekt ist. Und irgendwann, nach schier zahllosen Gesprächen mit deinen Freunden, wirst du merken, dass einige denken, dass du es übertreiben würdest, und hoffen auf den Tag, an dem das alles vorbei ist, damit ihr euer gemeinsames Leben glücklicher leben könnt, als es bisher aufgrund der Trübung möglich ist.
Du weißt es, weil du es dir selbst nicht selten wünschst.
Du wünschst dir so sehr, endlich alles hinter dir lassen zu können und seelenruhig weiterleben zu können, dass du dich förmlich in eine neue Gegenwart zwingst, in der du seelenruhig weiterlebst.
Aber in Nächten wie diesen, merkst du, dass dies bloß behelfsmäßige morbide Strukturen sind, die nur vom eigentlichen Problem ablenken, auch wenn sie temporär dazu führen mögen dir ein besseres Befinden zu ermöglichen.
Du merkst, dass es leere Hüllen sind. Du hast dir Inhalt auf sie eingebildet, doch diesen erkennst du als nichtig an, wenn du die große unendliche Einsamkeit deines einzigartigen Schmerzes spürst.
Jede Veränderung in deinem Leben, schafft es nicht die Vergangenheit zu verwischen. Alles, was du tust, was du dir an neuen Dingen beschaffst, oder was du veränderst, sind nur Zeugnisse des verzweifelten Versuches ein schwaches Konstrukt aufrecht zu erhalten, das seit jenen Ereignissen dazu verdammt war einzustürzen.
Aber dir will nicht einfallen, was du noch tun könntest.
Du wirst in diese Welt geboren, mit nichts in den Händen, und versuchst dir etwas großartiges aufzubauen, worin du deinen Geist unterbringen kannst. Dort willst du sicher sein. Dort willst du furchtlos sein. Dort willst du selbstbewusst sein. Dort willst du wohl behütet und umsorgt sein. Dort willst du dir das Paradies schaffen, das aufgrund des Leidens dieser Welt zwingend notwendig zu sein scheint.
Doch, wenn du an deiner eigenen Haut anfängst zu spüren, wie viel von deinen bedürftigen Versuchen, jenes Konstrukt zu verwirklichen, zerfällt, fragst du dich, ob es vielleicht doch nicht geschehen soll.
Jenen Ort, den du dir zu erbauen versucht, willst du mit Inhalt füllen.
Und du weißt, dass alles zerfallen wird.
Und wenn du geboren wirst, weißt du, dass du sterben musst.
Und du weißt, dass nur leere Hüllen dich umgeben.
Folglich ist auch dieser Ort nur eine Hülle, ohne Inhalt.
In diesen Nächten wird dir das besonders deutlich und vergrößert dein Leid.

Aus dieser elendigen Einsamkeit heraus gierst du nach jemandem, der wirklich alles mit dir teilen kann. Du gierst nach jemandem, der mit dir weinen kann, mit dir lachen kann, mit dir denken kann, mit dir lieben und leben kann. 
Unabhängig davon, ob du diesen jemand findest, oder nicht, hoffst du:
Irgendwo auf dieser Welt, wird immer jemand um dich weinen können.
Egal welche Entscheidungen du treffen magst, es wird immer jemanden geben, die, oder der, mit dir fühlt und mit dir verbunden ist und dich in absolut jeder Einzelheit vollstens verstehen kann.

Aber das reicht dir nicht. Denn die Hoffnung, dass diese hypothetische Person existiert, schafft es nicht, die leeren Hüllen um dich herum, die du in diesen kalten bitteren Nächten besonders deutlich als Einsamkeit wahrnimmst, mit dem Inhalt zu füllen, den du in diese Hüllen andauernd zu füllen versuchst, um dir deinen Schmerz zu lindern und dir die Einsamkeit zu nehmen. Und vielleicht ist diese Person auch bloß eine weitere von dir idealisierte leere Hülle, von der du dir die größte Erlösung erhoffst. Denn so viele Dinge hast du dir schon konstruiert, um dir alles leichter zu machen. Und nichts scheint zu helfen, nicht einmal die Zeit.

So weinst du weiter bittere Tränen auf den Boden, erstickst deine Schreie im Kissen, verfluchst die Schatten deiner Vergangenheit, und klammerst dich an leeren Hüllen fest.


by
Lupus Terre
(DLNT)



Montag, 25. Februar 2013

Lebensglut

Der Moment, in dem du entscheidest einem Leben ein Ende zu setzen, ist wie ein Spiegel deiner selbst. Blickst du hinein, blickst du hinaus zu dir, durch deine Augen hindurch tief in dich hinein.
Kennst du das Gefühl, wenn du eine Schusswaffe auf ein Lebewesen, das du sein könntest, richtest, am Abzug bist und weißt, dass du nur den Finger krümmen müsstest, um dem Leben mit wenigen Milli- oder Zentimetern Stahl ein kurzes und schmerzloses Ende zu bereiten? Kennst du diesen Moment, in dem sich entscheidet, wer du bist? Stellst du dich deinen Abgründen? Kennst du sie überhaupt? Hast du jemals in deinen Augen gesehen, was sich hinter ihren Pupillen versteckt? Tief in der Dunkelheit deines Seelenkörpers, irgendwo dort in der Schwärze, in dieser tiefen Dunkelheit, wirst du wissen, wie viel Wut du bist, wie viel Traum du bist, wie viel Menschlichkeit dir bleibt, und wie viele Märchen noch für dich zu durchschauen sind. Dir ist sicher bewusst, dass irgendetwas tief in dir, sei es das unreife und naive Kind, das du mal warst, oder ein hilfloses Wesen, welches vor Angst in irgendeiner Ecke deines Geistes kauert, sich davor fürchtet sich dem zu stellen, was in dir steckt. Weißt du, wie es ist, wenn man auf dem schmalen Grad zwischen Wahnsinn und Verzweiflung steht, nicht weiß, was man tun soll, aber doch weiß, dass man eine Lösung braucht, und ganz zu schweigen davon, wie man sich davor fürchtet das auszusprechen, von dem man weiß, dass es einem den größten Schaden zufügen würde, obwohl es doch eigentlich nur Worte sind, heiße Luft, ein Gebilde deines Verstandes. Aber die Wahrheit. Die unertragbare Wahrheit, die dein Verstand richtig versteht, und die einen Selbstzerstörungsmechanismus in dir auslöst, der dein Gehirn verätzt, als würdest du es in Säure baden, und das nur, weil du die unertragbare Wahrheit aussprechen würdest und dir damit eingestehen würdest, dass du dich all die Zeit über nur belogen hast und keinen Schritt vorwärts gekommen bist.
Du denkst dir "Ich bin ein tiefer dunkler See, und ihr lasst euch von den Lichtreflektionen an der Oberfläche blenden, wagt aber nicht, in mich hineinzutauchen, um mein wahres Ich kennen zu lernen.", aber vergisst dabei, dass du selbst so oft die Reflektionen durch den Spiegel betrachtest, dass sich deine Persönlichkeit entzweit, die eine Häflte im tiefen dunklen See versinkt und hasserfüllt zur anderen schaut, welche freudig an die schön glänzende Oberfläche paddelt und nur noch dort weilt und denkt.
Denkst du wirklich, dass DAS die Lösung ist? Bist du wirklich so naiv, anzunehmen, dass nur das kleinste Körnchen dieser Handlungsweise richtig sein könnte?
Du weißt, dass richtig ist, was wichtig ist, handelst aber dagegen, negierst die Tatsachen, die unmissverständlich eine Botschaft überbringen, die du nicht hören willst. Wach auf du arrogantes Stück Scheiße und versperre dich nicht dem, was direkt vor dir liegt! Sieh hin, was du anrichtest und wende dich nicht davon ab!
Glaub nicht, du würdest dich mit Recht so aufführen dürfen und all deinen Freunden, Bekannten, sogar dir selbst eine grottenschlechte Farce auftischen, und auch noch die Dreistigkeit besitzen zu fordern, dass es gefressen wird!
Du bist nicht allmächtig, du bist nur so stark, wie du es dir selbst ermöglichst. Sicherlich denkt jetzt der eine Teil von dir, dass du supertoll und superstark seist, aber die andere Seite weiß, wie es in Wahrheit ist, nur du verbietest ihr den Mund, weil du es auf den Tod nicht hören willst.
Und du denkst immer noch, das wäre richtig?
Was hat der Moment dir gezeigt? Was ist hervorgekommen?
Bist du die Antwort? Bist du die Lösung? Bist du Gnade, Erlösung, Freiheit, Sieg? Oder der Fall vom Ross des Hochmuts? Vielleicht bist du alles von dem, vielleicht aber auch absolut gar nichts. Eine wertlose Null, hingekritzelt von einem gelangweiltem Studenten auf einem Stück Papier, mit dem er sich sogleich den Arsch abwischt.
Belüg dich nicht mehr, Mensch! Lasse raus, was in dir steckt, dann siehst du, ob du ein kranker Wahnsinniger bist, oder ob du einfach nur ein verzweifeltes Individuum bist, das vergeblich versucht sich seine Illusionen aufrecht zu erhalten und sogar bereit wäre, dafür zu töten, einen Mord zu begehen, ein grausames Verbrechen.
Doch auf die Idee, vielleicht nach einer helfenden Hand Ausschau zu halten, geschweige denn sie anzunehmen, kommst du aufgrund deines Stolzes, der dich so sehr blendet, dass es schon peinlich ist, absolut nicht.
Stattdessen jammerst du nur in einer Ecke eines fensterlosen, kalten Raumes herum, vergisst die Welt um dich herum und steigerst dich in deine Probleme hinein, glaubst vielleicht sogar, dass es außer diesen wenigen extremen Lösungen gar keine gibt. Keinen Ausweg, kein Vorwärts, kein Zurück, keine Chance. Aber du irrst dich, was du aber nicht zuzugeben bereit bist, denn zu sehr hast du dich schon an deine neue Rolle, dass dir dein entzweites Gestirn verleiht, gewöhnt.
Sei nicht so ein melodramatisches Weichei und höre auf in Selbstmitleid zu versinken, dich als Opfer deiner Umstände in Aufmerksamkeit zu erheben, weil du ja ach so zart besaitet bist. Reiß dich zusammen, verdammt, und trete dir selbst mal in den Arsch! Denn ansonsten endet es wirklich so, wie du es dir schon die ganze Zeit ausmalst, und dich zeitgleich davor fürchtest.
Der Finger am Abzug, doch auf wen ist der ausgehölte Stahl gerichtet? Wessen Angstschweiß wird der Mund der Kugel küssen?
Die Frage kreist vor deinem geistigen Auge, immer noch hin und her gerissen zwischen diesen beiden Seiten, die nur in deiner Fantasie existieren, wo es doch in der Realität so einfach wäre. Aber das willst du nicht sehen. Nein, du machst weiter wie bisher, weil es auf irgendeine widerliche Art und Weise dein krankes Bewusstsein statisfiziert.
Würdest du das, was du dir selbst antust, auch anderen Wünschen? Ja, oder nein? Du musst wählen! Ist das die Essenz des Lebens? Der Sinn, das Glück, die Antwort, nach der alle streben? Oder vielleicht doch nur ein großer Irrtum, geboren in dem modernden Bauch deiner toten Weltenmutter.
Sage mir, was du empfindest, wenn du weißt, dass die Worte "Pass auf dich auf!", die letzten Worte sind, die du jemals von deinem besten Freund hören wirst! Sag es mir! Und dann reflektiere, überdenke dein Leben, das du bereit bist in die finstere und stinkende Kloake hinabzuspülen, aus der du sie vorher sonst so mühsam hast herauszuziehen versucht, und dabei noch nicht einmal alleine warst.
Lächerlich ist es, dass du dir die Frechheit erlaubst es als "freie Entscheidung" abzusegnen, um dir dadurch eine scheinbare Entschuldigung vorzuschieben, die deine Taten bei all jenen rechtfertigt, denen du jeden Tag aufs neue das Herz brichst.
Manchmal denke ich, dass schon ein Wunder geschehen muss, damit du die richtige Entscheidung triffst, wenn du zitternd vor deinem Seelenspiegel stehst und mit zerrissenen Augen betrachtest, was da seinen Lauf nimmt. Aber es wird kein Wunder geschehen, du wirst dich nicht ändern, wenn du es nicht wirklich willst, wenn du dir nicht den Mut dazu nimmst. Glaube mir doch, dass es in Wahrheit einfacher ist, aber du machst es dir so unnötig schwer. Sicher sage ich dir nicht, dass du einfach so nun über das Wasser deines Sees spazieren kannst, aber ich bin bereit dir ein Boot zu bauen, mit dessen Hilfe du nicht untergehen wirst, sondern dorthin paddeln kannst, wo du hin musst. Wobei ich für meinen Teil auch nur jemand bin, der in dir steckt. Eine leise Stimme, die du versuchst zu töten, weil du nicht ertragen kannst, was du zu hören bekommst.
Du musst eine Entscheidung treffen, so viel steht fest. Aber nicht bei der Sache, die dir einen kalten Schauer über den Rücken laufen lässt, sondern bei der viel fundamentaleren Sache. Der grundlegensten Frage überhaupt, die du dir hierbei stellen solltest. Nämlich, ob deine Entscheidung wirklich so frei sein wird, wie du es dir in deinen hoffnungslosen Illusionen vorstellst. Bist du frei? Hast du überhaupt diese Freiheit? Freiheit zu leben? Freiheit zu sterben? Der sanfte Kuss der Mutter auf deine kahle Stirn, welche tiefe Falten bildet und in welchen sich das Blut deiner verlorenen Seele mit dem Strom deiner Gedanken vermischt und in Feuer verwandelt, welches alles niederbrennen will, was die Vergangenheit in dir erbaut hat, in der Hoffnung auf diese Weise geläutert zu werden. Doch es ist feige und es ist falsch.
Mutig bist du nicht, nein, auch wenn du es in Anbetracht deiner Pläne behauptest, denn da bist nicht wirklich du derjenige, der es aus "freien" Stücken tut, sondern der Wahnsinn und die Verzweiflung, welche dich so ambivalent wie ein schwingendes Pendel in Stücke reißen. Aber DU musst derjenige sein, der das Ruder in der Hand hält. DU musst es tun, denn ansonsten wird es auf deine Pläne ein nur noch größeres lächerliches und feiges Licht werfen, was den ganzen Sinn deiner Aktionen wegbläßt, sodass alles, was du damit zu erreichen versucht hast, zwecklos im Nirvana verlaufen wird. Ruhe hast du dann ganz bestimmt nicht.
Also sei dir sicher. Sage dir, dass du dir sicher bist, dass du das tun willst, oder weiche von diesen Plänen zurück und investiere deine Energie darin den Zerfall aufzuhalten und dich selbst zu erretten, damit vielleicht - aber auch nur vielleicht - doch noch ein Wunder geschieht, welches dir die Herzenswärme und Freude im Leben zurückgibt, die du offensichtlich so sehr vermisst. Lass dich nicht von niederen Trieben leiten, und auch nicht von diesen furchtbar sinnlosen Gedankenwelten, in die du dich begibst, sondern nimm dich und dein Leben selbst in die Hand, suche das richtige Glück.
Ich wünsche dir das beste dafür, glaub es mir. Aber vergiss es nicht. Das sollte bis zuletzt in deinen Gedanken präsent sein. Denn niemand hört dich schreien, wenn du nicht den Mund aufmachst. Niemand sieht dich leiden, wenn du deine Wunden nicht zeigst.
Kennst du es?
Kennst du dieses Gefühl? Dieses zerstörerische morbide Ungetüm, welches dir wie ein Wurm Löcher ins Hirn frisst?
Weißt du es, wenn alle Augen auf dich und deine Taten gerichtet sind, nur du selbst wagst es nicht auch deine Augen für diese tragische Wahrheit zu öffnen?
Wenn du weißt, wovon ich rede, so weißt du, dass es so nicht weitergehen kann, und du weißt, dass es eigentlich nur eine einzige Lösung gibt. Aber du musst selber herausfinden, welche sie ist, niemand kann, geschweige denn darf, sie dir verraten.
Der Weg ist hierbei das Ziel. Erst dann, kannst du aufwachen, und dich mit einem neuen Bewusstsein in die alte Welt begeben.
Wähle!


by Lupus Terre (DLNT)

Freitag, 18. Januar 2013

Tränenschlaf

In meinen kalten Adern
fließen Tränen.
Durch meine toten Venen
pulsiert nichts mehr.

Ich bin allein hier unten
in meiner Seele.
Das Licht ist ganz verschwunden
im tiefen Meer.

Die Wunden bluten nicht
sie weinen.
So spüre ich kein Leben
nur den Tod.

Und so schlaf ich ein
in der Finsternis
Bau ich mir ein Heim
und schlafe ein.

Die Tränen salzig zart
sie vergießen
Über meinen weißen Lippen
zu zerfließen.

Ich schlafe weinend ein
von ihnen verlassen.
Und niemand kommt zu mir herein
um mich zu retten.

Niemand vermag zu fühlen
was es bedeutet
Ist ein großer Schmerz
für mich allein.

Und so schlaf ich ein
in der Finsternis
Bau ich mir ein Heim
und schlafe ein.

Sie wandeln mit der Zeit
an mir vorüber.
Nur in den dunklen Räumen
liegt das Gedächtnis.

Rosenblüten blättern
von den Wänden
Hinunter in das tiefe Loch
zu meinen Händen.

Versinke in der tiefen Asche
der Brut der Glut.
Verdammt vergessen verschwunden
schrei ich ins Nichts.

Und so schrei ich auf
in der Finsternis
Blick ich in ihr Gesicht
und sehe nichts.

Und dann schlaf ich ein
im schwarzen Nichts
Weine heimlich still
weil ich's nicht will.

Weil ich's nicht will.



by
Lupus Terre
(DLNT)



Montag, 31. Dezember 2012

Die lamentierende Welt


Lausche in die Welt hinein
Was hörst du?

Du hörst sie lachen
Hörst sie weinen
Doch am meisten
Sie lamentieren.

Du hörst das Leben
Hörst das Sterben
Doch am meisten
Wie sie lamentieren.

Schaue in die Welt hinein
Was siehst du?

Du siehst sie rennen
Siehst sie stehen
Doch am meisten
Sie lamentieren.

Du siehst sie fröhlich
Siehst sie leidend
Doch am meisten
Wie sie lamentieren.

Und was tun sie?
Sie reden laut
Beschweren sich
Doch unternehmen nichts.

Du siehst sie lachen
Hörst sie weinen
Hörst sie lamentieren
Siehst sie in ihrer Unzulänglichkeit erfrieren.

Stillstand, Stagnation
Stigmata der modernen Welt
Ein Schritt nach vorn
sind zwei zurück

Modern verrückt
Verrückt normal
Langeweile
und ein neuer Skandal

Die Welt dreht sich im Kreise
und auf diese alte Weise
wiederholt es sich jedes Mal
Man glaubt man hat die Wahl
doch täuscht man sich allemal
Denn auf diese alte Weise
dreht sich die Welt stets im Kreise.

Der Nebel des Lebens
ein Odem des Feuers
ein Donner der Inbrunst
- zumindest am Anfang -
Doch heraus kommt nichts,
außer erbärmliche Wesen,
die jammern und lamentieren
und in ihrer Unzulänglichkeit erfrieren.

Das Leben bedeutungslos
Der Tod nur noch mehr
Pop-Kultur ganz famos
Charakterbildung jedoch schwer

Degeneration neuer Generation
War es jemals anders?
Fortschritt gleicht Rückschritt
Denn nichts verändert sich.

So sind sie am Lamentieren
Weinend am Leben
Fröhlich am Degenerieren
Lachend am Krepieren

Siehst du mich lamentieren?
An meiner Unzulänglichkeit erfrieren?
Siehst du mich weinen?
Hörst du mich lachen?

Fürwahr die Welt auf ihre altbekannte Weise
dreht losgelöst von jedem ihre Kreise
Und so wie ich übers Lamentieren lamentiere
Vielleicht auch ich in meiner Unzulänglichkeit erfriere.

Doch du siehst mich nicht.
Hörst mich nicht.
Weil ich mich vor dir verstecke.
Besser sein will, wenn ich verrecke.

Doch wie sie selbst wegen Kleinigkeiten jammern
Wegen Nichtigkeiten gleich viel weinen
Wegen jedem Mist laut lamentieren
Während andere still und heimlich leiden
Ihre Wunden vor anderen verstecken
Um stark zu sein für andere - zuletzt für sich
Glauben sie sich im Schlimmsten auf der Welt
Während die anderen unnachgiebig kämpfen.

Es ist pure Ironie.
Oder wie ein Bruder einst sagte:
"Das Leben ist ein schlechter Witz,
über den man nur lernen muss zu lachen."



by
Lupus Terre
(DLNT)

Freitag, 7. Dezember 2012

Laudatio ad Pater Waleri


Waleri Iwanowitsch N.: Vater, Bruder, Ehemann, Opa, Cousin, Onkel, Freund, Kollege.
Es gibt viele Bezeichnungen für diesen einen besonderen Menschen, von dem wir heute leider schmerzlich Abschied nehmen müssen.
Wir alle, die wir heute hier sind, sei es Familienmitglied, oder Freund, haben ihn als den Menschen, der er für uns war, geschätzt und geliebt.
Wir alle haben einen Teil unserer Zeit mit ihm verbringen dürfen und auf diese Weise seine Herzenswärme, seine Güte und seine Freundschaftlichkeit in uns aufnehmen können.
Wir alle haben wertvolle Erinnerungen von ihm, die wir nun festhalten müssen, damit wir ihn und unsere gemeinsame Zeit niemals vergessen.


Der Schmerz, der uns alle dadurch trifft, dass wir nun nie wieder unserer Zeit mit ihm teilen können, lässt sich nicht einmal ansatzweise angemessen mit Worten beschreiben. Weswegen es auch schwer fällt zu begreifen, was geschehen ist. Weswegen es auch schwer fällt in einer Realität zu leben, in der er nicht vorhanden ist. Weswegen es auch schwer fällt Abschied zu nehmen.
In einem Netz waren wir alle miteinander verbunden, dessen Basis Waleri war. Nun ist diese Basis verschwunden und geblieben ist ein unsäglich großes Loch, welches durch nichts zu füllen ist. Dieser tragische Verlust hat in uns alle ein solches Loch gerissen und es wird viel Zeit brauchen, bis diese Wunden vernarben und wir Frieden schließen können. Aber wir müssen Mut haben und Stärke beweisen, damit wir diese Zeit überstehen. Denn er hätte es sicher nicht gewollt, dass wir daran zugrunde gehen.
 

Für mich war Waleri mein Vater, ist mein Vater und wird immer mein Vater bleiben. Er war ein liebevoller Vater, der sich größte Mühe gab, damit es seinen Kindern gut geht. Seit meiner Geburt war er immer da, war immer um mich herum und es tat gut zu wissen einen solchen Vater zu haben. Umso härter ist es nun damit leben lernen zu müssen ihn nicht mehr um mich herum zu haben. 
Wir haben wundervolle Zeiten miteinander verbracht. Zeiten, die ich niemals missen wollen würde. Sicher haben wir uns auch einige Male gestritten, aber das gehört ebenso dazu und ist auch eine Erfahrung, auf die ich nicht verzichten will.
Mein Vater war ein guter Mann und er wollte stets, dass alle um ihn herum glücklich sind. Er war durch und durch ein Familienmensch. Alle Krisen haben wir gemeinsam durchgestanden, alle Probleme gemeinsam als Familie bewältigt. Und ich bin dankbar dafür. Ich bin dankbar für die Zeit, die ich mit ihm verbringen konnte, dankbar dafür, dass er mein Vater ist.
 

Mir war zwar – wenn auch widerwillig - bewusst, dass eines Tages der Zeitpunkt kommen würde, an dem ich da stehen würde, wo ich jetzt hier und heute stehe, den Verlust meines Vaters zu bewältigen hätte und eine Rede wie diese halten würde, aber ich hätte niemals erwartet, dass es so früh geschehen würde. Aber so ist der Lauf des Lebens nun mal. Es trifft einen immer genau dann, wenn man es am wenigsten erwartet. Man kann sich niemals richtig auf so etwas vorbereiten. Man kann niemals die richtigen Worte finden und erst recht ist es niemals einfach so einen Verlust zu verarbeiten. Aber es passiert leider und es ist wichtig, dass man damit zurecht kommt und daran nicht zerbricht.

Mein Vater ist 71 Jahre alt geworden und hat in seinem Leben viel erlebt. Er hat Kriegszeiten überstanden, Hunger und Krankheit überlebt, den Verlust enger Angehöriger verkraften müssen, aber auch viel Glück erfahren. Waleri hat vier Nachkommen in diese Welt gesetzt. Eine Tochter und drei Söhne. Zwei seiner Kinder haben sogar selbst schon Familien gegründet und ihm Enkel geschenkt. Sein jüngster Sohn, der Richard-Elijas, ist sechs Jahre alt. Ich erinnere mich noch gut, wie überglücklich mein Vater bei der Geburt meines Bruders war. Die Geburten seiner Kinder zählen wohl mit Abstand zu den besten Momenten, die er erlebt hatte.
Aber nun hat er uns verlassen. Und seine Kinder bleiben ohne Vater zurück. Auch seine Ehefrau – meine Mutter – ist geblieben und blickt schmerzlich auf eine Ehe von 22 Jahren zurück. Sie waren sich treu ergeben bis zum Schluss.
Waleri war aber nicht nur ein liebevoller Vater und ein geliebter Ehemann, sondern auch ein geschätzter Bruder. Er hat drei Schwestern, welche mit ihm aufgewachsen sind, viel mit ihm geteilt haben und ihn auch, so wie wir alle, sehr vermissen werden.
 

Waleri Iwanowitsch hat viele Jahre lang den Lehrerberuf ausgeübt. Er ist bei seiner Arbeit stets mit ganzem Herzen und Verstand vorgegangen. Seine Arbeit war ihm wichtig und das konnten alle merken, die von ihm unterrichtet wurden, oder mit ihm arbeiteten. Seine Arbeitskollegen haben ihn deswegen sehr geschätzt und weil mein Vater ein sehr freundlicher und herzensguter Mensch gewesen ist, hat er unter seinen Kollegen auch sehr viele gute Freunde finden können. 
Jeder einzelne seiner Kollegen, welche mit ihm Freundschaft schlossen, wird sicherlich eine einzigartige Erinnerung davon haben, wie er Waleri kennenlernte. Jeder von ihnen muss sich nun jedoch leider von ihm für immer verabschieden, aber wird ihn nie vergessen.
 

Es gibt noch so viel, das zwischen ihm und uns ungesagt geblieben ist, noch so viele ungelösten Dinge, für die er eine Lösung hätte haben können, und es gibt noch so viel, das er hätte erleben können, das wir gemeinsam hätten erleben können.
Waleri hatte auch noch viele Pläne für die Zukunft. Er wollte zum Beispiel seine Memoiren von den Erlebnissen seiner Vergangenheit niederschreiben, einen Roman verfassen und dann seinen Lebensabend damit versüßen voller Stolz mit anzusehen, was aus seinen geliebten Kindern werden würde. Es ist eine tragische Wendung des Schicksals, dass er dies nun zumindest im Diesseits nicht mehr erleben wird. Aber ich bin mir sicher: Wenn er irgendwie kann, so wird er uns vom Jenseits aus beobachten und auf uns Acht geben.


Im Verhältnis zu dem Alter, das die Menschen heutzutage erreichen können, und in Hinblick auf all jene Dinge, die noch offen geblieben sind, ist Waleri, mein geliebter Vater, viel zu früh und viel zu unvermittelt verstorben.
Doch muss man sich auch die Frage stellen, ob es dafür überhaupt jemals einen richtigen Zeitpunkt gegeben hätte, und ob man überhaupt jemals dazu bereit gewesen wäre ihn gehen zu lassen. Fest steht jedenfalls, dass alles seine Zeit hat, und uns das an Tagen wie diesen, an denen uns der geballte Schlag der Realität mit aller Härte trifft, schmerzlich bewusst wird. Aber wo ein Leben ein Ende findet, findet ein anderes seinen Anfang. So hat Waleri der Welt Leben geschenkt und diesen Leben Liebe und Güte gelehrt und es ist nun an uns, seinen Kindern, Verwandten und Freunden sein Andenken zu ehren und an unsere Kinder, Verwandte und Freunde weiterzugeben, was er einst an uns weitergegeben hat.
 

Mein Vater hat mich im Laufe meines Lebens viel gelehrt. Ich wäre wohl nicht der, der ich heute bin, ohne ihn. Und auch jetzt noch hat er mich etwas gelehrt, nämlich, dass es wichtig ist den Menschen, die einem wichtig sind, zu zeigen, dass man sie liebt beziehungsweise schätzt. Denn man weiß nie, ob es das letzte Mal war, dass man jemanden gesehen hat, nachdem man sich verabschiedet. Und auch, wenn es Streit geben sollte, so sollte man sich in Frieden verabschieden und zeigen, dass man den anderen trotzdem noch mag. Es müssen keine großen Zuneigungsfloskeln sein, aber ein tägliches „Ich liebe dich“, oder eine kleine Umarmung ist schon viel Wert. Denn sonst könnte man dann, wenn es bereits zu spät dafür ist, bereuen seine Zuneigung nicht gezeigt zu haben. Und das würde einen quälen.
Ich für meinen Teil hatte zum Glück noch diese Gelegenheiten, bevor mein Vater Waleri gegangen ist. Ich bin mir sicher es wäre viel schwerer für mich diesen Verlust zu ertragen, hätte ich diese Gelegenheiten nicht gehabt. Aber nun weiß ich, dass wir uns in Frieden verabschiedet haben und uns unsere Zuneigung gezeigt haben.
 

So sehr ich ihn geliebt habe, so sehr hat er auch mich geliebt, wenn nicht mehr.
Und so ist es bei allen. So sehr, wie jeder von uns ihn geliebt und geschätzt hat, so sehr hat er auch uns geliebt und geschätzt.
Zwar hat Waleri die physische Welt verlassen, aber wenn wir an ihn denken und nicht vergessen, was er uns auf unserem Weg durch das Leben mitgegeben hat, so wird er weiterhin da sein, und zwar in unserem Geiste und unserem Herzen.


Das ist es was wir wollen und tun sollten. Nicht den schmerzlichen Verlust betrachten, den wir durch seinen Tod spüren, sondern uns an die guten Dinge erinnern, an die glücklichen Zeiten, die wir mit ihm hatten. In seinem Andenken sollten wir alle damit Frieden schließen, dass er nun nicht mehr unter uns weilt, Frieden mit ihm schließen und den Frieden in uns finden. Denn nur so können wir ihn friedlich gehen und ruhen lassen.


So verneige ich nun mein Haupt vor dir,
lieber Vati,
Und knie vor dir nieder.


Ich bin dankbar für die schöne Zeit mit dir,
werde dich in Ehren halten.
Du bleibst für immer in meinem Herzen,
werde dich stolz machen.


Und vielleicht sehen wir uns bald wieder.
Ich werde dich immer lieben,
und nun ruhe in Frieden.



Lupus Terre



PS: Die Laudatio wurde von mir etwas überarbeitet, um Anonymität wahren zu können (habe den Nachnamen gekürzt bzw. herausgenommen).