Nein, noch kann ich denken. Der Schmerz hat aufgehört und ich spüre nichts mehr. Keine Kälte, keine Wärme, keinen Schmerz und auch sonst absolut nichts. Ebenso all meine anderen Sinne scheinen versagt zu haben. Ich kann weder sehen, noch hören, weder fühlen, noch riechen, ich habe keinerlei Empfinden mehr. Das Nichts umgibt mich. Blind und entsinnt verharre ich, bin zu nichts weiterem befähigt als meinem inneren Bewusstsein. Ich kann denken, doch nichts wahrnehmen. Ist dies das Leben nach dem Tod? Werde ich nun für den Rest der Ewigkeit einfach ein Fetzen von Gedanken sein, der irgendwo durch eine endlose Finsternis schwebend auf das Ende aller Zeiten wartet?
Oder bin ich doch noch lebendig und etwas anderes ist für diesen meinen Zustand verantwortlich?
Ich bin gestorben. Ich bin mir sicher, dass ich gestorben bin. Denn ich habe gespürt, wie ich bei lebendigem Leibe von den Körperlosen gefressen worden bin. Sie haben mein Fleisch und meine Organe zerstört. Wahrscheinlich sind meine sterblichen Überreste mittlerweile nichts weiter mehr als ein Haufen blutiger Knochen, an denen vielleicht noch einige Fleischreste kleben. Das letzte Zeugnis meiner Existenz.
Es war ein qualvoller Tod. Dennoch bin ich froh, dass ich so rasch mein Bewusstsein verloren hatte.
Aber halt! Allmählich spüre ich doch etwas! Mein Rücken fühlt sich kühl und feucht an, überdies spüre ich einen ebenso kühlen und feuchten Windzug über meinen Oberkörper wehen. Bin ich doch nicht gestorben? Wurde ich doch nicht aufgefressen? War dies nur eine alptraumhafte Illusion?
Jedoch frage ich mich, wo ich mich nun aufhalte. Wo bin ich?
Es ist kühl, aber nicht kalt. Allmählich erlange ich wieder die Fähigkeit zu atmen. Kein widerwärtiger faulender Gestank, sondern eine frische und reine Luft ist es, was ich mit meiner Nase wahrzunehmen vermag. Auch ist die Luft nicht kalt und trocken, wie noch zuvor, als ich aus dem schwarzen Fluss zum unendlichen Weiß tauchte, sondern weniger kalt, eher kühl und feucht.
Höre ich? Höre ich tatsächlich, wie der Wind durch meine Umgebung hindurchweht? Ich vermag aus meiner unmittelbaren Umgebung ein seichtes Racheln zu vernehmen, ich höre den verschwommenen tiefen und unauffälligen Klang des Windes, mit diesem leichten spitzen Knistern, wie es doch so typisch für den Klang des Windes durch Wälder ist.
Auch das Gefühl im Rest meines Körpers kehrt wieder, nicht zuletzt auch in meine Hände. Ich ertaste den Boden, auf dem ich liege und spüre unzählige weiche, längliche und hauchdünne Strukturen. Ist das Gras? Es fühlt sich an wie Gras. Es muss Gras sein! Und ich hoffe, dass es Gras ist. Ich flehe darum, dass dieser Alptraum endet und ich wieder in der von mir gewohnten Welt erwache.
Meine Augen sind geschlossen. Ich wage es, sie zu öffnen und sehe... den Himmel!
Grauweiße Wolken hängen schwer in der Höhe und bedecken das gesamte Firmament. Das Licht ist weder dunkel, noch hell. Ebenso, wie es schwer einzuschätzen ist, ob die Wolken Regen hinabfallen lassen wollen, scheint das Licht sich nicht zwischen hell, oder dunkel entscheiden zu können. Die Welt um mich herum verharrt im Zwielicht.
Ich richte mich auf und prüfe erst, ob es an meinem Körper irgendwelche Verletzungen oder Zeugnisse dessen gab, wie ich gestorben zu sein schien.
Doch es ist alles bei bester Ordnung. Keine einzige Verletzung, keine Kratzer, keine Bisswunden. Mein Körper ist unversehrt.
Nun, wissend, dass all meine Erlebnisse der vergangenen Stunden wohl nichts weiter waren, als ein Alptraum, betrachte ich meine Umgebung und versuche mich wiederzufinden. Ich will nach Hause und einfach nur alles vergessen, was ich erlebt habe. Ich hinterfrage gar nicht erst, wie ich an diesen Ort gelangt bin. Ich will einfach nur weg.
Zu meiner rechten Seite erkenne einen überschaubaren See. Fast schon mehr ein großer Teich, statt eines Sees. Das Ufer ist in nur knapp drei Armlängen weit von mir entfernt. Schilf und allerlei anderes Seegewächs schmückt die Gestaden. Ich befinde mich am Hang eines größeren Hügels, der von einer Wiese bedeckt ist. Vor mir erhebt sich in etwas größerer Entfernung ein Waldgebiet, doch das restliche Gebiet wird von einer hügeligen Graslandschaft geprägt.
Ich stehe auf, erleichtert, dass ich wieder in der Welt der Menschen zu sein scheine. Was waren das doch bloß für Ausgeburten kranker Fantasien eines wahnsinnigen Schriftstellers! Ein Alptraum. Nur ein ausgedehnter und schrecklicher Alptraum.
Um auch zu erfahren, was auf der dem Wald gegenüberliegenden Seite vorzufinden ist, drehe ich mich um. Bei dem, was ich nun erblicke, verschlägt es mir die Sprache, all meine Erleichterung verfliegt instantan. Noch immer bin ich in diesem Wahnsinn gefangen!
In weiter Ferne schließt sich an die Hügellandschaft ein rieseiges Areal an, welches von schwarzen Wolken bedeckt wird. Rote Blitze schlagen in unnatürlich häufigen Intervallen durch die Wolken und hinab auf den Boden. Ein ganz und gar dystopisches und finsteres Bildnis. Doch das ist noch das harmloseste, was ich sehe. Denn es erheben sich gewaltige Berge menschlichler Leichen. Leblose Körper regnen unentwegt aus den schwarzen Wolken herab und klatschen heftig auf die nackten und bereits entstellten Leiber unter sich, welche sich unlängst zu einem gewaltigen Gebirge angehäuft haben, welches den gesamten Horizont füllt. Und wenn ich es aus der Entfernung richtig sehe, so fehlt jedem dieser Körper der Kopf. Ungerne erinnere ich mich an den Regen der schreienden Köpfe zurück. Jetzt weiß ich wenigstens, wo ihre Körper verblieben sind. Eigentlich will ich das gar nicht wissen.
Verflucht! Wieso bin ich immer noch hier? Habe ich nicht schon genug durchlitten?
Meine Muskeln spannen sich, die Verzweiflung tränkt meine Sinne, meine Frustration treibt Wut, und meine Wut treibt Tränen hervor.
Kniend lasse ich mich auf den Boden fallen, schlage in das Gras hinein, blicke dem Himmel entgegen und schreie. Ich schreie all meine Gefühle hinaus. Schreie vor dem Entsetzen und meinem Unvermögen diesen Fluch auch nur eine Sekunde länger zu ertragen.
"WARUM? WAS WILLST DU VON MIR, DÄMON? WIESO HAST DU MICH HIERHER GEBRACHT?", brülle ich mit all meiner Kraft in den Himmel, mehr aus dem Grund mein Verzweifeln zu entladen, als aus der Hoffnung darauf je eine Antwort zu erhalten. Ich bin hier Gefangen und der schwarze Dämon genießt es mich zu quälen.
Als ich meinen Kopf wieder senke, um mir die Tränen aus dem Gesicht zu wischen, entdecke ich zu allem Überfluss den offenbar toten Leib einer jungen Frau zu meiner linken Seite am Ufer liegen.
Verdreckt, und im Ufergewächs teils versteckt liegt der leblose Körper ausgestreckt halb im Wasser und halb auf dem verschlammten Boden. Es kostet mich nicht viel Zeit, um zu erkennen, dass es wieder jene schwarhaarige Frau ist, welche mich zuletzt mit ihrer Gegenwart quälte. Diesmal jedoch ist ihr Haupt ohne irgendwelche Spuren, dass es je abgetrennt worden war, an ihrem Hals verwachsen.
Im Schein des Zwielichtes erkenne ich nun zum ersten mal ihren leichenblassen Hautton. In ihre Augen wage ich es nicht zu blicken. Ihr Gesicht liegt ohnehin seitlich von mir abgewandt auf dem Boden, ebenso wie ihr gesamter Körper mit seiner Vorderseite dem schlammigen Untergrund zugewandt ist. So wie sie dort daliegt, würdelos mit einem Teil ihres Körpers vom Schlamm bedeckt, beginne ich Mitleid für sie zu empfinden. Niemand hat solch ein grausames Ende verdient. Niemand. Auch nicht ich. Doch mein Empfinden für Gerechtigkeit scheint nichts an meinen Umständen auch nur ansatzweise etwas zu verändern. Und ich naiver Idiot hatte tatsächlich geglaubt, dass ich aus dieser Hölle befreit worden wäre. Welch eine Torheit!
Es bringt jedoch nichts weiter den Dämon und sein Schattentheater zu verfluchen. Meine Gefühlsausbrüche bringen mich nicht weiter. Ich muss mich wieder besinnen. Und so wische ich mir die letzten Tränen aus dem Gesicht, nehme einen tiefen Atemzug der frischen und natürlichen Luft, richte mich auf und wende mich dem Gipfel des Hügels entgegen. Vielleicht erhalte ich weitere Anhaltspunkte, wenn ich einen besseren Überblick über das Gelände bekomme. Versuchen will ich es jedenfalls. Wer weiß, welche Überraschungen noch auf mich lauern.
Ich lasse den See und die junge Frau hinter mir, vermeide es zum Leichengebirge zu blicken und stampfe durch das satte grüne Gras hinauf.
Etwas seltsames vermag ich während meines Aufstiegs an den Fraben des Himmels zu vernehmen. Es scheint, dass sich die grauen Wolken nach und nach auflösen, je weiter mein Blick über den Hügel sehen kann. Der Himmel, der von den Wolken verdeckt wird, ist jedoch nicht blau, sondern schwarz. Schwärzer als die Nacht. Der Übergang zwischen den Wolken und dem finsteren Himmelsteil ist fließend. Eine gewisse Furcht macht sich in meinen Eingeweiden bemerkbar. Eine Furcht vor einem neuen Schrecken. Ich weiß nicht, wie viel ich noch aushalten kann. Das, was ich bisher erlebt habe, kann ich schon kaum verarbeiten. Doch Stillstand bedeutete die ewige Gefangenschaft, vielleicht sogar meinen endgütligen Tod. Irgendetwas musste ich ja unternehmen, um wenigstens zu versuchen einen Ausweg aus diesem Labyrinth des Schreckens zu finden. Ich muss mich und meine Ängste überwinden, ich muss weiter voran schreiten!
Erleichterung kehrt ein. Ehrfurcht und nicht die Furcht ist das, was ich bei dem Panorama, das sich vor meinen Augen nun ausbreitet, empfinde. Meinen Augen möchte ich kaum trauen.
Vom Gebirge aus kopflosen Körpern zu meiner linken, bis hin zum Wald auf meiner rechten Seite, erstreckt sich ein gewaltiges schwarzes Gebilde, das sich - am Fuße des Hügels beginnend - bis in den Himmel hinauf erstreckt. Das verblüffende und zeitgleich überaus imposante daran ist die konkrete Struktur des Gebildes. Vom Himmel aus entspringen wurzelartige Gebilde, wie die Wurzeln eines Baumes, doch derart gewaltig, dass dies kein natürliches Werk sein kann. Überdies sind die Wurzeln nicht braun und hölzern, sondern wie von Feuer verkohlt. Hell in feurigem orange-gelb ziehen sich pulsierende Linien an den obskuren Wurzeln zum Zentrum des gesamten Gebildes hin, als wären es die Adern eines Lebewesens. Diese Wurzeln führen zu einer riesigen hölzernen Wand. Nein mehr noch: Es ist eine durchgängige und lückenlose Mauer, ebenso von verkohlter hölzerner Struktur und von diesen feurigen Adern durchzogen. Und inmitten dieser Mauer erstreckt zentral ein ungemein riesiges Loch, wie eine Art Portal, oder Tor, welches am direkt am Ende Hügels mündet. Eine wahrhaft atemberaubende und mächtige Gestalt, welche bei weiterem Nachdenken jedoch die Sorge säht, welche Funktion es haben könnte. So scharf und konrastreich, fast wie ein Riss in der Realität - sofern ich diesen Alptraum Realität nennen kann, grenzt es sich von allem anderen an diesem Ort ab. Ich kann nichteinmal spekulieren wohin das Tor führt, welches sich in diese abnorme Perversion eines Baumes gepflanzt hat. Doch irgendwie habe ich das Gefühl, dass ich genau dort hin muss. Irgendetwas zieht mich dorthin. Ich komme nicht umhin zu denken, dass ich dort Antworten auf Fragen finden werde, die mich schon seit meiner ersten Begegnung mit dem silber-weiß gezahnten Dämon zerreissen. Wirklich befremdlich, wenn ich bedenke, dass der Anblick eher unheilvoll und furchterregend, statt einladend und willkommend ist.
Ich nehme den mir verbliebenen Mut zusammen und gehe voran, den Hügel hinunter, in den Schlund des toten Baumes hinein.
Wenig Zeit vergeht, ehe ich vor der Pforte stehe und in ein gewaltiges schwarzes Nichts hineinblicke, wie schon so oft in dieser verzerrten Realität. Wenngleich ich zaghaft bin und es nicht überstürze die Schwelle hinein zu übertreten, steht der Entschluss für mich fest, mich an diesen Ort zu begeben. Ein letztes Mal noch blicke ich zurück auf den Hügel mit seinen satten grünen Weiden, von dem ich gekommen war und erhasche ein letztes Mal noch den Anblick der zwielichten, grauweißen, regenschweren Wolken, die das Firmament bedecken. Dann konzentriere ich mich wieder auf den finsteren Pfad vor mir und schreite durch das Tor hindurch.
Meine Schritte hallen in dieser lichtlosen Schwärze wider, als würde ich eine Kathedrale betreten. Es hat keinen Sinn nach einem Orientierungspunkt für meine Bewegungen zu suchen, da ich hier ohnehin nichts sehen kann. Also verlasse ich mich auf das Echo, das durch diese unendlich scheinende Leere hallt und gehe weiter, solange ich den festen Boden unter meinen Füßen spüre.
Ich verstehe nicht, was es ist, aber irgendetwas treibt mich weiter voran, immer weiter vorwärts, hinein in die endlose Dunkelheit. Es ist so, als ob mich etwas riefe.
Nach einer Weile bleibe ich stehen und versuche einen Lichtschimmer aus der Richtung zu erhaschen, aus der ich gekommen war. Doch ich sehe nichts. Ich bin bereits zu sehr in die Dunkelheit hineingetaucht. Unwissend, ob dieser Ort nicht vielleicht sogar auch in der Lage ist die Gesetze der Physik zu beugen, und mich daher nicht sogar absichtlich in eine orientierungslose Irre führt. Vielleicht ist der Schlund dieses Baumes doch nur eine Falle und ich bin auf eine Art Lockruf hineingefallen.
Ich beschließe in die Leere hineinzurufen: "Hallo? Ist hier jemand?" und warte ab.
Wenige Sekunden später werde ich mit einer Antwort überrascht. Eine tiefe und laute Stimme ertönt, sie klingt fast wie die eines Mannes, doch unnatürlich tief, sie sagt lediglich: "Ja."
Eine Gänsehaut durchfährt mich und ich versuche hektisch auszumachen, woher diese Stimme stammt. Jedoch scheint es mir, als ertönte die Stimme aus allen Richtungen gleichzeitg, als wäre sie allgegenwärtig. So nah bei mir, aber doch nicht da.
"Wer bist du?", frage ich.
Plötzlich saust ein schmaler blauer und elastischer Streifen aus Licht vor meinen Augen durch die Luft und umkreist mich in einem rasanten Tempo, ehe er wieder im Nichts verschwindet. Ohne es laut auszusprechen, fragte ich mich leicht erschrocken, was das wohl gewesen sei.
"Ich bin der, der die Wahrheit kennt.", antwortet mir die scheinbar quellenlose Stimme.
"Welche Wahrheit?", erkundige ich mich verwundert und erwarte wieder ein Aufblitzen irgendeines ominösen Lichtes.
"Jede.", ist die knappe Antwort, welche mich nur umso mehr rätseln lässt. Doch vielleicht darf ich es wörtlich nehmen. Wenn er, oder es, tatsächlich jemand ist, der die Antworten auf meine Fragen kennt, lag ich mit meinem Gefühl hierher zu kommen richtig.
Diesmal blitzte kein Licht durch die Finsternis.
"Dann sag mir, wo bin ich?", eine der Fragen, die mir am wichtigsten ist.
Blitze durchbrechen auf ein mal die Finsternis, dies kam wieder unerwartet. Unzählige bläuliche Lichtstreifen zischen schier planlos an mir vorbei und versammeln sich an einem Fleck, an dem sie sich zu einer Art Kugel zusammenfinden, welche zappelnd wirkt, aufgrund der vielen Bewegungen jedes einzelnen Lichtblitzes. Ich versuche zu verstehen, was es damit auf sich hat und beobachte weiter, fokussiere meine Konzentration jedoch auf die Worte der Stimme, welche kurz darauf wieder ertönt: "Du bist dort, wo die Existenz mit der Nichtexistenz zusammenfällt. Du bist da, wo alles zu Nichts wird und wo das Nichts den Anfang von Allem legt."
Ich hätte nicht so naiv sein dürfen zu hoffen, dass seine Antwort mich von meiner Verwirrung und Unwissenheit erlösen würde. Diese Antwort sorgt nur für mehr Kopfzerbrechen.
War dies eine Art Zwischenwelt? Eine Existenzdimension, welche nach dem Tod kommt? Fragen über Fragen fluten mein Gehirn, aber wenigstens ist hier nun ein Geschöpf, welches mir Antworten geben kann. Ich zügle die Ströme meiner Gedanken und stelle die nächste Frage, die mir wichtig ist:
"Wieso bin ich hier?", ich richte meine Worte an die flimmernd blaue Kugel, als würde sie die Stimme sein.
"Weil er dich hergebracht hat, um dich hier vernichten zu können. Hier bist du nur ein Opfer, eine Marionette in seinem Spiel. Du bist machtlos und deine Existenz liegt in seiner Hand."
Mit "er", meint die Stimme wahrscheinlich das dämonische Geschöpf, welches mich in diese Dimension brachte.
"Wer ist er?", frage ich und werde von einer Explosion aus Licht überrascht. Die Lichtstreifen, welche die Kugel zuvor noch darstellten, entfernen sich innerhalb weniger Sekundenbruchteile weit von mir weg, bis sie nach wenigen Augenblicken nicht mehr zu sehen sind. Doch die Stimme antwortet mir weiterhin:
"Er ist der erste Schatten. Er ist Wut, Zorn und Hass. Er ist Rache und Vergeltung. Er ist Qual und Verzweiflung. Er ist der Schlächter der Zeit, das Ende von Allem. Er ist der Moment des Sterbens, das ewig hungrige Biest, welches Löcher in Existenzen frisst. Sein Name ist Zacrolon und du bist sein Schöpfer."
Zacrolon, das ist also der Name des Dämons. Ein offenbar überaus mächtiges Wesen. Wie die Stimme ihn beschreibt stiehlt es mir die Hoffnung ihn jemals besiegen und aus dieser Verdammnis fliehen zu können. Doch ich soll sein Schöpfer sein? Ich entsinne mich, dass Zacrolon mir sagte, er sei ich und nicht sein Schöpfer. Wie soll ich das verstehen? Was hat das zu bedeuten?
"Wenn sein Name Zacrolon ist, wie ist deiner? Du scheinst mir auch ein Wesen großer Macht zu sein.", ich ahne schlechtes.
Plötzlich schossen wieder die Lichtblitze aus der Dunkelheit hervor, versammelten sich wieder an einem Fleck, diesmal jedoch vereinten sie sich nicht zu einer Kugel, sondern zappelten nach oben gerichtet vereint um einen Fleck zentriert herum, als wären sie ein Feuer.
"Veramon. Dies ist der Name, den du mir gabst. Ja, auch ich bin eine Kreatur, die du geschaffen hast."
Das Wesen wusste, was ich ahnte. Es scheint, als würden alle Dinge, die um mich herum an diesem Ort geschehen auf irgendeine unverständliche Art und Weise durch mich hervorgerufen worden zu sein. Ich beabsichtige noch nicht zu ergründen, wie genau meine Rolle in diesen abstrusen Zusammenhängen ist, sondern stelle zunächst eine weitaus wichtigere und naheliegendere Frage, die mir auch helfen würde mehr zu verstehen:
"Warum will er mich töten?"
Einige der blauen Lichtfäden begannen sich violett, fast schon rot zu verfärben und verleihen nun umso mehr den Eindruck von Feuer. Ist dies Veramons Gestalt?
Doch seine Stimme ertönt nach wie vor aus allen Richtungen gleichzeitig:
"Weil du vergessen hast."
"Was? Was habe ich vergessen?", reagiere ich spontan.
"Deinen Namen", gibt mir Veramon zu verstehen und zeitgleich verfärben sich auch die letzten blauen Streifen über ein Violett hinweg zu einem kräftigen Rot.
"Meinen Namen? Aber ich kenne doch...", ich halte inne. Ich Narr war die ganze Zeit so besessen davon zu erfahren, wo ich hier bin und weshalb ich hier bin, dass ich nicht einmal wirklich darüber nachdachte, wo ich herkam! So sehr ich mich auch anstrenge, mir will mein Name nicht einfallen! Wie kann ich bloß meinen Namen vergessen? Wie ist das geschehen? Wie ist mein Name? Wer bin ich?
Ich erinnere mich an die junge Frau, auch sie fragte mich danach, wer ich sei, doch ich konnte nicht antworten. Über eine Antwort habe ich nicht einmal nachgedacht.
Allmählich ergeben meine Hinweise ein klareres Bild. Habe ich eine Art Gedächtnisverlust erlitten? Wie kann ich vergessen jemand derart mächtiges zu sein, dass ich gar solche grausamen Kreaturen erschaffen kann?
Veramon ergreift plötzlich das Wort: "JA! WIE KANNST DU ES NUR VERGESSEN?!"
Seine Stimme klang gewaltig laut und höchst erzürnt, die nun roten Lichststreifen wuchsen rasant in die Höhe und die Art und Weise, wie sie umherflackerten zeichnete durch den Wechsel aus Licht und Dunkelheit eine Fratze ab. Ich erschrak mich im selben Moment. Die Form des Bildnisses erinnert mich stark an Zacrolon, oder zumindest an das, was ich damals an ihm erkennen konnte. Und doch hatte es seine Eigenheiten. Es war viel schmaler und langezogener als Zacrolons Kopf. War dies das wahre Gesicht Veramons?
"UND AUCH ICH WILL DICH TÖTEN!", schrie Veramon hinaus. Ich hätte nicht herkommen dürfen! Es war eine Falle! Ich habe es gewusst und mich dennoch hierher begeben! Ich Tor! Ich elender Narr!
Die Leuchtfäden verwandelten sich schlagartig in wahrhaftige Flammenspitzen, ich war nah genug, um die Hitze zu spüren, die sich durch das Nichts ausbreitete.
Ich muss hier weg! Das ist mein einziger Gedanke. Ich dreh mich um und renne ziellos in die Dunkelheit, um möglichst viel Distanz zwischen mir und den Flammen Veramons zu schaffen.
Doch dann schießen plötzlich auch Flammen vor mir aus dem Boden empor und halten direkt auf mich zu. Ich weiche aus, ändere meine Richtung und wieder versperren mir emporschießende Flammen den Weg und verfolgen mich. Und wieder weiche ich aus und wieder ändere ich meine Richtung und wieder versperren mir Flammen den Weg. Es gibt kein entkommen, ich bin eingekerkert!
Ich wende mich zu meiner Rechten und sehe mehrere langgezogene, speerartige Feuerspitzen geradewegs und unaufhaltsam auf mich zuschießen.
Ich brenne.
by
Lupus Terre
Ihr kopfloser Körper. Da ist er.
Nackt, das Fleisch teilweise herausgerissen, sodass man Knochen und gar verwesende Organe erkennen kann, mit blutigen verdreckten Flecken bespickt, ohne Verstand und doch befähigt zu laufen. Und er zwängt sich durch den mit Schädeln übersähten Boden geradewegs zu mir hindurch.
Hier bin ich nun, auf einem Stuhl sitzend, mitten in der schwarzen, kalten Unendlichkeit, mit einem Meer aus abgeschlagenen menschlichen Häuptern unter mir und dunkelrotem Licht, das mich von Oben umhüllt. Ich sitze da, nicht in der Verfassung auch nur eines dieser Gräuel wirklich verarbeiten zu können, und warte darauf, dass der junge, verstümmelte Körper der Frau mit schwarzen Haaren zu mir gelangt. Was könnte ich denn ohnehin schon tun, um diesem Alptraum zu entfliehen? Ich bin hier allein und gefangen. Gefangen in der Dunkelheit.
Es wirkt unbeholfen, wie der junge, geschundene Leib immer wieder einknickt, wenn er mit seinem Fuß auf einem der zahllosen Köpfen ausrutscht.
Nachdem er seinen Weg gefunden und beschritten hat, bleibt er zwei Schritte vor mir stehen. Der schlanke Körper dieser jungen Frau ist nun direkt vor mir und ich muss mich fast übergeben, bei dem, was ich wahrnehme.
Zu ihrer Rechten wurde ihr die Haut und unterliegendes Fleisch von einem Teil der Brust gerissen, sodass ich ihre Rippen mit bloßem Auge zählen könnte. Dahinter verbirgt sich ein dunkles, faulendes Organ, welches wohl einst die Lunge gewesen sein muss.
Was mich jedoch am meisten anwidert, ist ihr Unterleib, aus dem ihr Gedärm gerissen worden ist und nun frei aus der Bauchhöhle hängend bei jeder Bewegung umherschwingt. Gerade der davon ausgehende widerwärtige Gestank, der sich durch die kalte Luft hindurch in meine Nase zwängt, treibt mir den Inhalt meines Magens in die Kehle.
Trotz meines Dranges diesem Ort und vor allem der Nähe dieses vor mir stehenden Leichnams zu entfliehen, begreife und akzeptiere ich nach und nach die Ausweglosigkeit meiner Situation und beschließe der Bitte der jungen Frau nachzukommen. Also strecke ich ihren Kopf, der sich immer noch in meinen Händen befindet, ihrem Körper entgegen, in der Hoffnung, er würde ihn an sich nehmen.
Und tatsächlich, obwohl ihr Leib erst regungslos vor mir stand, reagiert er auf meine Geste und greift mit seiner linken Hand nach dem Schädel. Doch entgegen meiner Erwartung, dass er diesen sanft und mit Obacht wieder an sich nehmen würde, verfestigt er seine Finger lediglich um die kurzen schwarzen Haare und zerrt ihn daraufhin grob an sich.
Ihr Arm führt ihren Kopf nun in Richtung ihres Oberkörpers, bis er seine Bewegung unterbricht, als ihr Haupt mit ihrem Gesicht mir zugewandt in etwa auf der Höhe ihrer Schultern stoppt.
Immer noch an den Haaren haltend, baumelt ihr Schädel nun in der Luft. Ein wirklich überaus groteskes Bild, wie der Leichnam mit blutigem Stumpf an der Stelle, an der einst sein Kopf saß, diesen in einer Hand vor sich hält.
Ich blicke in ihrem Gesicht den mit dem schwarzen Stacheldraht zugenähten Augen entgegen und erwarte, dass nun wieder etwas geschieht, das ich nicht erwarte und das mich mehr traumatisiert als all die anderen Schrecken hier. Und tatsächlich zucke ich auf, als ihre vormals toten und zerschlissenen Lippen erneut beginnen sich zu bewegen.
Es ertönt erst ein ermüdetes, ächzendes Stöhnen, ehe ich den Klang von Worten vernehme:
"Danke... Das... wird dir... vergolten...", es scheint große Anstrengung zu kosten in solch einem Zustand zu sprechen. Verstörend genug, dass dies überhaupt möglich zu sein scheint.
Ehe ich jedoch etwas antworten kann, spricht sie weiter:
"Magst du mich?", allmählich wirkt ihre Stimme klarer, da sie deutlicher, lauter und kräftiger wird, als ob man einen Teil ihres Lebens wieder in sie hineingehaucht hätte.
Ich antworte auf diese Frage offen und ehrlich: "Ich kenne dich nicht. Ich weiß es daher nicht."
Mir bleibt verschleiert, weshalb sie solch eine Frage stellt, doch was soll ich denn anderes tun, als darauf zu antworten?
"Du hast gesagt, du liebst meine grünen Augen.", waren ihre nächsten Worte.
Mein Blick fokussiert sich auf ihre schmerzhaft vernähten Lider. Eine Augenfarbe kann ich durch dieses Bild Stahl durchzogenen Fleisches nicht erkennen. Sie scheint mich für jemanden zu halten, der ich nicht bin.
"Ich verstehe nicht, wovon du sprichst! Das habe ich nie gesagt. Der, für den du mich anscheinend hältst, bin ich nicht!", entgegne ich ihr.
Daraufhin ertönt ein amüsiertes Kichern.
"Wer bist du denn dann?"
Plötzlich zerren ihre Augenlider wieder an dem Draht und versuchen sich zu befreien. Weitaus kräftiger, als es möglich sein sollte, schaffen sie es auch und ihr Fleisch reisst sich mit brachialer Gewalt durch die mit spitzen Stacheln übersähten groben Drähte. Dabei zerfetzen weite Teile der Haut, welche sodann wie in Schnipsel zerschnittene feuchte Lappenfetzen zu Boden fallen.
Nur einen einzigen Blick kann ich auf das werfen, was sich dahinter verbirgt.
Schwarze, feuchte Bruchstücke, die in ihren Augenhöhlen liegen wie kleine Kohlebrocken, und nicht menschliche Augen mit grüner Iris, sind das, was ich zu sehen bekomme.
Erheitert klang ihre Stimme, als sie mit ihren wortwörtlich aufgerissenen Augen und einem Lächeln im Gesicht fragte: "Wer bist du?"
Dann wieder Dunkelheit. Das rote Licht erlosch und Stille kehrte instantan ein.
Doch die Stille währte kaum einen einzigen Moment, da sie nun durch eine Art kurzes mechanisches Klacken unterbrochen wird. Zeitgleich spüre ich, wie meine Arme auf unerwartet auftauchende Armlehnen des Stuhles gepresst werden. Ich versuche sie zu bewegen, doch werde durch Schellen daran gehindert. Ebenso sind meine Beine jetzt am Stuhl gefesselt. Dies ist wohl der Ursprung des Geräusches gewesen.
Panik macht sich wieder in mir breit. Wird mir nach all diesem psychischen Terror nun auch körperliches Leid widerfahren?
Ich strenge mich mit der gesamten Kraft meines Körpers an, um aus den Fesseln zu brechen. Jedoch erzielt mein wildes, planloses Umherzappeln nicht das Geringste. Ich schaffe es nicht einmal den Stuhl zum Kippen zu bewegen. Es scheint, als wäre er fest im Boden verankert.
Meine Atmung ist erhöht, trotz allem kämpfe ich und versuche mich zu befreien.
Nach einer Weile jedoch erliege ich der Anstrengung und gebe auf. Es gibt kein Entkommen.
Während ich die eisige Luft tief ein und ausatme und versuche mich zu beruhigen, um zumindest im Ansatz wieder einen klaren Kopf zu erlangen, bemerke ich, wie erneut ein Kegel aus Licht mich umhüllt. Diesmal jedoch schaltet er nicht ruckartig ein, sondern wird nach und nach heller. Auch die Farbe hat sich geändert. Es ist nicht mehr das Rot des Blutes, sondern ein reines weißes Licht, welches mich nach und nach stärker von oben herab beleuchtet.
Um einen Überblick über mein endloses Gefängnis zu erhalten, erhoffe ich mir einen Hinweis aus der Lichtquelle, weshalb ich nach oben blicke. Jedoch kann ich nichts erkennen, stattdessen schmerzen meine Augen aufgrund der Blendung.
Das Licht hört rasch auf heller zu werden und verharrt bei einer gleich bleibenden Intensität. Es ist heller, als das rote Licht, aber nach wie vor nicht hell genug, um diese ewige Finsternis zu durchbrechen.
Als ich jedoch auf den Boden schaue, fällt mir sofort eines auf: Die Köpfe sind fort!
Kein einziger der Schädel ist mehr zu sehen, nicht einmal irgendwelche Spuren, wie Blut, sind zu erkennen. Nur ein weißer Kreis, der durch die Beleuchtung entsteht, bildet sich auf dem Grund und hebt sich vom Rest dieses Ortes scharf ab.
Weiterhin kann ich jedoch keine Möglichkeit erkennen mich aus den Schellen dieses hölzernen Stuhles zu befreien.
Ich blicke mich um und versuche die junge schwarzhaarige Frau zu finden. Kurz darauf spüre ich plötzlich wie sich etwas feuchtes, leicht schleimiges aber weiches und warmes von der linken Seite meines Halses an zu meiner Wange zieht. Zunächst erstarre ich, wage nicht mich zu bewegen und bekomme eine Gänsehaut bei diesem unerwarteten Gefühl unbekannter Herkunft. Es läuft mir kalt den Rücken hinab, ich weiß nicht, wie ich mich jetzt verhalten soll. Dann höre ich jemanden an meinem linken Ohr leicht durch den Mund ausatmen.
Schlagartig weiche ich mit meinem Oberkörper nach rechts und wende mein Haupt zur anderen Seite, um zu sehen, wer oder was dafür verantwortlich ist.
Da steht sie, die junge schwarzhaarige Frau, splitterfasernackt neben mir und lacht belustigt - vermutlich aufgrund meiner Reaktion. Sofort fällt mir auf, dass sie sich verändert hat. Ihr Kopf war wieder an seinem dafür vorgesehenem Platz an ihrem Körper, mit dem Unterschied, dass Schädel und Hals mit der selben Art schwarzem Stacheldraht zusammengenäht waren, wie einst nur ihr Mund und ihre Lider. Überdies war ihr Körper nahezu unversehrt. Abgesehen von den nun längeren schwarzen Haaren und davon, dass sie verdreckt war, als hätte sie erst in Schlamm gebadet und wäre dann mit Asche durchsetztem Wasser überströmt worden, gab es sonst kein Merkmal körperlicher Schäden an ihr.
Auch ihre Augen und ihr Mund waren verheilt und ich konnte im weißen Licht nun tatsächlich ihre grünen Augen erkennen.
Der stählerne Draht an ihrem Hals war daher die einzige ungesunde Auffälligkeit.
"Was erschreckst du dich so? Du magst das doch!", sagte sie erheitert. Überfordert mit der Situation, nicht in der Lage nachzuvollziehen, nach welchen Gesetzen diese finstere Hölle funktioniert, stammle ich eine Antwort: "Ich äh... ich... was... äh... W-w-wer bist du?"
"Wer ich bin? Oh, mein Lieber, das weißt du doch ganz genau!", in ihrer Stimme schwang etwas lüsternes mit. Es hatte einen verführerischen Klang und sie warf mir einen derartigen Blick zu als würden wir uns seit Jahren kennen und als müsste gerade ich vor allen anderen auf dieser Welt wissen, wer diese Frau ist. Doch egal, wie ich vom Wahnsinn getrieben auch mein Gedächtnis durchforste, mir will partout nicht in den Sinn kommen, wer sie ist, oder sein könnte. Ich habe sie noch nie zuvor gesehen.
Gemächlich umkreist sie mich und scheut sich dabei nicht mir ihre physischen Reize zu präsentieren, bis sie hinter mir ist und ihre Arme sanft um meinen Hals auf meine Schultern legt. Zugegeben, allmählich sorgt diese Behandlung sogar für ein Wohlgefühl. Verglichen mit den Alpträumen, die ich bis hierher erlebt habe, ist dies mehr als Willkommen. Aber ich muss vorsichtig bleiben und muss versuchen zu widerstehen. Wer weiß, was mich noch erwartet.
"Lass mich los!", fordere ich sie also energisch auf.
Ein langer und sanfter Kuss in meinen Nacken ist jedoch ihre Reaktion. Ein wirklich schönes und angenehmes Gefühl, aber ich darf mich dieser Verlockung nicht hingeben! Was wäre ich, würde ich in so einer Situation solche Ablenkungen zulassen?
Nun werde ich wutentbrannter: "Hör' auf! Das ist doch krank! Lass mich gehen!"
Endlich löst sie sich von mir, bewegt sich wieder vor mich und beugt sich mir entgegen.
"Gehen?", fragt sie mit einem eindringlichen und traurig wirkenden Blick, "Wohin denn gehen?"
"Ich will einfach nur hier weg!"
Mit einem Mal weicht sie ruckartig mehrere Schritte von mir zurück, fast schon so weit, dass sie aus dem Lichtkegel verschwindet. Sie wirkt enttäuscht.
"Du willst weg? Du willst mich also verlassen?", sie verdeckt mit einer Hand ihre Augen.
"SCHON WIEDER???", brüllt sie plötzlich aus aller Tiefe ihrer mit Stacheldraht vernähten Kehle, nimmt ihre Hand wieder fort und starrt mich hasserfüllt an. Blitzartig schlägt diese Szenerie wieder in die Hölle um, die ich vorher erlebt hatte, als hätte man einen Schalter umgelegt. Das Licht flutet wie vorher blutrot von oben auf mich und meine unmittelbare Umgebung herab und beleuchtet ebenfalls das wieder aufgetauchte Meer aus Köpfen unter mir.
Die junge Frau, die vormals einen noch halbwegs ansehnlichen Eindruck erweckte, ist erneut so unaussprechlich verstümmelt und ihre linke Hand hat ihren Kopf so an den Haaren gepackt im Griff wie vormals auch.
Kaum werde ich mir diesem schlagartigen Wechsel gewahr, macht sie einen Satz und rennt mit einem ohrenbetäubenden Kreischen auf mich zu. Könnte ich doch bloß meine Hände befreien!
Mit großer Wucht stößt sie gegen mich und kippt damit den Stuhl, von dem ich geglaubt hatte, er wäre im Boden fest verankert, rückwärtig hinein in das Schädelmeer.
Dann beißt sich ihr Kopf in meine rechte Wange. Ihr Biss ist stark und erbarmungslos. Ich schreie auf vor Schmerz, ich versuche zeitgleich mich zu befreien, ich bebe vor Angst, ich will einfach von hier fort! Was habe ich verbrochen, um das zu verdienen?
Nur am Rande bemerke ich, wie all die Köpfe um mich herum allmählich zum Leben erwachen und sich zu mir hin bewegen, während ich darum kämpfe mich zu befreien und sie mit ihrem festen Biss von mir abzuschütteln. Kein Erfolg, es ist hoffnungslos. Erneut schreie ich gequält auf. Grässliche Schmerzen überfluten meine Sinne. Ich sehe und spüre, wie all die unzähligen Köpfe mir das Fleisch von den Knochen reißen und mich nach und nach unter ihnen begraben. Sie beißen mir in die Beine, in die Arme, in mein Gesicht, meine Ohren, Finger, Zehen, Bauch, Rücken. Von allen Stellen meines Körpers spüre ich, wie sich menschliche Zähne in mein Fleisch bohren und es mit brachialer Gewalt hinausreißen. Ich werde bei lebendigem Leibe gefressen! Ich kann nicht mehr atmen, nicht mehr schreien und spüre nur noch einen Schmerz, wie ich ihn nie zuvor erlebt habe, ehe alles um mich herum verblasst und ich mein Bewusstsein allmählich verliere.
Ist dies nun mein Ende?
by
Lupus Terre
Kein Licht kann ich erblicken. Keinen Laut kann ich erhöhren. Alles, was ich wahrzunehmen vermag, ist der Kopf, den ich in meinen zitternden Händen halte, sowie die eisige Kälte und ein nach und nach intensiver werdender Gestank von faulendem Fleisch. Es graut mich auch nur daran zu denken woher er stammt. Doch ich kann nicht verleugnen, was ich vor wenigen Momenten noch erlebt habe.
Die fallenden Köpfe. All die gequälten Seelen, die um ihr Erbarmen winselten, deren Geschrei meinen Geist zerrütteten. Sie alle liegen zu Schichten angehäuft vor meinen Füßen. Und einen dieser Köpfe halte ich sogar in meinen Händen.
Ihr Fleisch ist kalt, nicht aber so kalt wie die Luft in dieser endlosen Dunkelheit. Und ihre Haut fühlt sich kühl und hart an. Ich möchte nicht daran denken, dass dieser Schädel losgelöst von seinem Körper ist. Was soll ich tun? Was soll ich bloß tun? Was ist das für eine verzerrte Realität? Was ist das für ein Alptraum, aus dem es kein Erwachen gibt?
Der Kopf. Ich halte den Kopf eines Menschen in meinen Händen. Den Kopf eines toten Menschen! Eine junge Frau. Ich kann den Anblick nicht vergessen. Ihre Augen und ihr Mund waren mit einer Art Stacheldraht zugenäht. Verkrustetes Blut sprenkelte ihre Wunden.
Was soll das? Warum bin ich hier?
Ich wage es nicht mich zu bewegen. Ich will mich nicht bewegen. Zu groß ist meine Furcht davor durch das Meer aus Köpfen zu schreiten. Zu groß meine Furcht davor, was als nächstes geschehen könnte. Verflucht! Wieso bin ich hier?
Plötzlich werde ich von rotem Licht eingehüllt. Es blendet erst meine Augen, doch sie gewöhnen sich schnell daran. Es ist nicht sehr hell, doch blutrot. So rot wie das Blut all derer, die vom Himmel fielen. Als ich meine Augen öffne, fällt mein Blick in die Finsternis. Das rote Licht scheint nur in einem kleinen kreisförmigen Bereich um mich herum zu strahlen und hat keine erkennbare Quelle. Es ist nicht breitflächig genug, um etwas, das sich auch nur fünf Schritte von mir weg befindet, zu erkennen, jedoch genug, um all die Köpfe in meiner unmittelbaren Nähe zu sehen. Nicht zuletzt denjenigen, den ich in meinen Händen halte.
Ich frage mich, welcher Schrecken mich nun erfahren wird und richte meinen Blick hinunter zur jungen Frau.
Das dunkle, rote Licht lässt die Blutflecken in ihrem so jugendlichen Gesicht unsichtbar wirken. Ein geringer Trost, wenn ich bedenke, welche Qualen ihr widerfahren sein müssen, als ihr diese Drähte durch die Haut gezogen worden sind. Werde ich ebenfalls so enden?
Was hat der Dämon mit mir vor? Wieso hat er mich in diese Hölle verbannt?
Ich werde wohl niemals die Antworten auf meine Fragen erhalten, also bleibt mir nicht mehr übrig, als mich auf jene Dinge zu konzentrieren, auf die ich vielleicht Einfluss ausüben kann.
Also untersuche ich, immer noch zitternd, den Kopf genauer.
Abgesehen von den grotesken Qualen, die man ihr antat, kann ich jedoch nichts erkennen, was mich auch nur irgendwie weiter brächte. Kurze schwarze Haare, ein jugendliches Gesicht, verkrustetes Blut an dem Stumpf, der einst ihr Hals zu sein pflegte. Und diese Drähte, die aus dünnen schwarzen, metallischen Fasern beschaffen sind, von welchen zahlreiche kleine Stacheln abstehen.
Wieder blitzt eine Frage durch meinen Geist. Wird mir das selbe widerfahren? Ist es das, was der Dämon mit mir vorhat? Will er mich erst durch den größten Schrecken meines Lebens jagen, um mir dann zuletzt physische Qualen zu bescheren, sodass ich ein Teil jener Köpfe werde, die irgendwann auf jemand anderen herunterregnen? Er sagte, er wolle meinen Tod. Will er es auf diese Weise erreichen?
Der Gedanke, aus dieser Hölle nie wieder fliehen zu können, lässt mich erschaudern. Gibt es denn kein Entkommen?
Ich nehme all meinen Mut zusammen und schreie verzweifelt in die Finsternis hinaus:
"Wenn du meinen Tod willst, wieso bringst du es dann nicht sofort zuende?"
Doch keine Antwort erlöst mich. Ist dies ein Racheakt? Rache wofür? Was habe ich bloß verbrochen?
Ich senke meinen Blick. Meine Augen richten sich auf das Gesicht der bemitleidenswerten Frau, deren Kopf ich immer noch in den Händen halte.
Ich versuche mir auszumalen, was sie für ein Mensch gewesen sein könnte, wie wohl ihr Name war, wo sie lebte und was sie bisher in ihrem Leben durchgemacht hatte. Meine rechte Hand fährt ihr durchs Haar. Wenngleich ihr Schicksal grausam ist und ihre Überreste grotesk misshandelt worden sind, vermag ich einen gewissen Glanz in ihrem Antlitz zu erkennen. Stellt man sich vor, wie sie ohne diese Verunstaltungen ausgesehen haben muss, so kommt man zu dem Schluss, dass sie wunderschön gewesen ist. Prachtvolles, langes, schwarzes Haar. Ihre Haut sanft und sonnengefärbt. Bloß die Farben ihrer Augen kann ich mir nicht vorstellen. Sie war sicherlich eine gute Seele. Ich bemerkte keine Spuren der Verwesung. Sie war wie eingefroren.
Mein Blick festigt sich an den Lidern ihrer Augen.
Als ich überlegte, ob ich nicht aufstehen und doch wieder versuchen sollte einen Ausweg aus diesem Alptraum zu finden, bewegten sich ihre Augen unter den Lidern auf ein mal hastig. So, als würden sie panisch versuchen etwas zu sehen.
Ich schrecke zurück, mein Atem setzt aus. Wie ist das möglich?
Nun gab sie auch noch Laute von sich. Als würde sie durch den zugenähten Mund zu sprechen versuchen. Es ist jedoch durch und durch nur ein Genuschel, vollkommen unverständlich.
Scheinbar begreift die junge Frau, was mit ihr geschehen ist und sie fängt an Laute von sich zu geben, die einem Wimmern gleich kommen.
Was soll ich bloß tun? Wenn ich sie doch irgendwie von diesen Drähten befreien könnte! Aber ich sehe keinen Weg, der dies schmerzfrei bewerkstelligen könnte. Dafür würde ich Werkzeug benötigen.
Aus dem Wimmern wurde rasch ein schmerzerfülltes Schreien, als sich ihre Lippen im selben Moment stärker zu bewegen begannen.
Offenbar versucht sie ihren Mund zu öffnen. Sie widersetzt sich den Schmerzen und reißt ihr Fleisch durch die schwarzen dornigen Drähte hindurch! Das Blut quillt an ihren Wunden hervor, wieso lässt sie es nicht sein?
Und sie schreit mit jedem Stück, das sie sich befreien kann, lauter.
Der Irrsinn dieser Szenerie überfordert mich. Instinktiv lasse ich ihren Kopf fallen, als wäre es etwas gefährliches und halte inne. In der Furcht, es wird etwas schreckliches folgen, beginnt mein Herz zu rasen. Wenn ich doch wüsste, was ich tun kann!
Sie hat es geschafft ihre Lippen den Drähten gewaltsam zu entreißen. Sie schreit qualvoll. Ich will ihr helfen, aber was soll ich tun? Was soll ich denn nur tun?
Während ich in meiner Ahnungslosigkeit verzweifle, scheint sie auch ihre Augen befreien zu wollen. Doch zu schwach sind ihre Lider, als dass sie den stählernen Fesseln entkommen könnten.
Ihre Pein sprengt die Ausmaße meines Vorstellungsvermögens, was sie doch durchleiden muss!
Das Geschrei lässt nach, stattdessen stolpern stotternd Wortfragmente aus ihrem zerschlissenen Mund.
"Hilf", sie pausiert, es kostet sie große Anstrengung, dann fährt sie fort, "... mir!".
In der Hoffnung, dass es dem gequälten Wesen helfen würde, nehme ich meinen Mut zusammen, um ihren Kopf wieder vom rot erleuchteten Boden aufzuheben.
Ein starkes Zittern liegt in meiner Stimme, als ich frage: "Wie? Wie kann ich helfen?"
Erneut versucht sie mir angestrengt etwas mitzuteilen: "Gib... mir...", sie pausiert, doch beendet ihren Satz nicht. Ich frage: "Was? Was soll ich dir geben?"
Als wäre es der letzte Atemzug, den sie machen konnte, zwingt sie weitere Worte hinaus: "... meinen Körper."
Danach erschlaffen ihre Lippen, ihre Augen zeugen nicht mehr von Bewegung.
In der Hoffnung, dass sie mich dennoch irgendwie höhren kann, erbitte ich eine Antwort: "Wie? Wie soll ich dir deinen Körper geben?"
Doch sie schweigt, scheint tot zu sein, wieder.
Vielleicht ist dies ein Rätsel. Ein makaberes, grausames Rätsel. Der Dämon stellt mich offenbar auf die Probe. Vom Himmel sind lediglich Köpfe herabgeregnet, keine Körper, oder etwa doch? In dieser Masse und inmitten des Horrors muss ich meine Wahrnehmung anzweifeln. Mir ist vielleicht etwas entgangen. Vielleicht gibt es Hoffnung für mich und ich kann fliehen, wenn ich dieses Rätsel lösen kann.
Ich höre etwas. Eine Folge von Geräuschen, langsam, aber allmählich deutlicher werdend. Es ist mir vorher nicht bewusst gewesen, doch es war da, seit die Frau ihr letztes Wort veräußerte. Es war lediglich leiser, kaum hörbar.
Diese Geräusche ähnelten, als würden kleine, nasse Säcke aneinander vorbeigeschoben werden. Als ich diese Ähnlichkeit auf meine Situation übertrage, wird mir klar: es sind die Köpfe!
Jemand, oder etwas, scheint sich offenbar durch diesen Teppich lebloser menschlicher Köpfe hindurch zu bewegen.
Geduldig warte ich auf meinem Platz, erwarte die nächste Tortur, die der Dämon sich für mich erdachte.
Dann endlich sehe ich ihn.
Ihren Körper.
by
Lupus Terre
"Es ist soweit", ertönt die Stimme des Dämons, ohne dass er dafür auch nur einen Muskel seines grässlichen Gesichts rühren muss.
Wird es nun geschehen? Wird er mich eins werden lassen mit der unsagbar gewaltigen Finsternis? Wird jede Spur meiner Existenz vom Nichts verschlungen?
Doch nichts geschieht. Der Dämon lacht lediglich und starrt mich mit seinen silber-weiß leuchtenden Augen an. Hofft er Furcht in mir zu finden?
Ich ringe mich dazu durch ihm eine Frage zu stellen, obgleich ich mir denke, dass mich nur weitere Rätsel erwarten werden.
"Was ist soweit?", frage ich.
Der Dämon reagiert nicht. Selbst durch die unstete Oberfläche des schwarzen Flusses hindurch zeigt sich sein Antlitz steinern und leblos.
Nach wenigen Augenblicken verstummt allerdings sein Kichern und er selbst gleitet hinab in die Tiefe, bis das Licht der Monde ihn nicht mehr erreicht. Und ich selbst schwebe immer noch wie gelähmt über dem Wasser.
Dies ist ein seltsamer Ort, ich verstehe ihn nicht, ich verstehe nicht, weshalb ich hier bin.
Der Dämon sagt er sei mein Geschöpf, er sagt, er wolle meinen Tod. Doch weshalb? Was geschieht hier bloß?
Plötzlich löst die Kraft, die mich bisher über dem Wasser hielt, ihr Wirken und ich platsche unvorhergesehen in den Fluss hinein. Meinen Atem halte ich an, da ich mich immer noch nicht bewegen kann, und wenigstens versuchen will nicht zu ertrinken.
Ungeachtet der Luft in meiner Lunge, sinke ich durch den Fluss. Das Wasser ist weder kalt, noch warm. Wären die Feuchtigkeit und die geringen Strömungen nicht, so würde ich gar nicht spüren, dass ich mich im Wasser befinde.
Allmählich versiegt mein Vermögen die Luft anzuhalten. Mein unmittelbares Ende scheint bevorzustehen. Ich werde nicht kämpfen. Es wäre sowieso vergeblich. Ich füge mich meinem Schicksal, schließe meine Augen und öffne meine Atemwege.
Die alte Luft streift an meinem Gesicht vorbei, hinauf zur Oberfläche und an ihrer statt strömt das schwarze Wasser in meinen Körper.
Doch obwohl ich die Qual der Suffokation erwarte, geschieht nichts. Ich scheine noch zu leben, ich atme diese obskure Flüssigkeit ein und aus. Als wäre sie Luft, füllt sie meine Lungen. Es verwundert mich, doch in dieser seltsamen Schattenwelt, sollte ich vielleicht aufhören ihre Mechanismen zu hinterfragen.
So sinke ich also weiter. Der Fluss scheint endlos tief zu sein und ich verliere mein Gefühl für die Zeit.
Ich bin versunken in tiefer, trostloser Dunkelheit.
Kein Licht und kein Geräusch, kein Zeichen von Leben. Nur ich, meine Gedanken und das Nichts. Es macht keinen Unterschied, ob ich meine Augen öffne, oder schließe. Mich umgibt ein und die selbe unendliche Finsternis. Auch der Dämon scheint nun fort zu sein und lauert mir nicht mehr mit seinen Stimmen in meinem Geiste auf.
Als ich beginne mich zu fragen, ob ich nun für alle Ewigkeiten durch dieses schwarze Gebräu sinken werde, erkenne ich in weiter Ferne unter mir ein schwaches Licht aufkeimen. Ebenso wie die Monde bei meinem Fall zum Fluss hinab, und ebenso wie der Fluss selbst, stellt dieses Licht einen Spalt in der ewigen Dunkelheit dar. Ein langgezogenes, scheinbar unendlich weit ausgedehntes, gerades Licht aus purem Weiß. Und ich sinke immer weiter darauf zu.
Irgendwann bin ich dem Licht so nahe, dass ich meine Augen schließen muss. Denn Schmerz sticht in das Innere meiner Sehorgane. Doch selbst jetzt noch strahlt es kräftig durch meine Lider hindurch.
Auf einmal spüre ich etwas kaltes, leichtes und trockenes, das sich um die Oberseite meines Körpers wölbt. Das schwarze Wasser fließt aus meiner Nase und stattdessen scheine ich wieder Luft einzuatmen. Doch sie ist kalt. Eisig kalt. Ich öffne wieder meine Augen, sie haben sich mittlerweile ein wenig an die Helligkeit gewöhnen können. Statt der Finsternis, in der ich mich vormals befand, umgibt mich nun pures Licht. Weder einen Himmel, noch Landschaften und auch keine anderen Gestalten kann ich erkennen. Alles um mich herum ist so weiß, wie ein unbeschriebenes, blankes Blatt Papier.
Hat dieser Fluss keinen Grund? Gibt es stattdessen zwei Oberflächen? Die eine schwärzer als die finsterste Nacht, und die andere heller als der hellste Stern.
Noch immer bin ich wie gelähmt und treibe im Wasser. Doch mit großer Mühe schaffe ich es meinen Blick zu meinen Seiten zu wenden. Ich erkenne an beiden Ufern des schwarzen Flusses jeweils eine einzelne Reihe aus seltsamen Blumen, die wie aus Schnee und Eis geformte Rosen aussehen. Jede gleicht der anderen, sie stehen alle identisch mit ihrer Blüte zum Fluss geneigt, wie Laternen an einer Straße.
Ich treibe an ihnen vorbei und muss mir eingestehen, dass mir dieser Ort weitaus lieber wäre, wenn es doch nicht so fürchterlich kalt wäre. Die Kälte durchdringt mich und ich beginne zu zittern. Aufwärmen kann ich mich jedoch nicht. An diesem Ort bin ich gefangen und ich sehe nichts, was ich tun könnte, um das zu ändern. Der Dämon hat mich hierher gebracht. Der Dämon führte mich in diese eisige, tote, aber auf eine eigene seltsame Art und Weise schöne Welt. Der Dämon treibt ein Spiel mit mir, welches ich bisher nicht durchschauen kann.
"Steh auf!", ertönt seine Stimme unverhofft wieder in meinem Kopf und im selben Moment gefriert der Fluss blitzartig unter mir, ohne mich mit einzuschließen und der Zauber, der mich gelähmt hielt, scheint verschwunden.
Ich richte mich auf. Noch immer zittere ich. Der schwarze Fluss ist zu Eise erstarrt und, ebenso wie die Eisrosen, so kalt wie auch die Luft um mich herum.
Diese Landschaft ist karg, tot und leer. Eine weiße Wüste ebenso gefüllt mit Nichts wie das Dunkel, in welchem ich vorher gefangen war. Ich steige über die Eisrosen hinab und stehe auf festem Boden. Meinen Blick lasse ich weiter Ausschau halten. Doch ich erkenne nichts und bin vollkommen orientierungslos. Also gehe ich am mit Eisrosen geschmückten Ufer des gefrorenen Flusses entlang, den einzigen Dingen, die neben mir an diesem Ort existieren.
Es ist kalt. So furchtbar kalt. Ob ich wohl ein Ende des Flusses erreichen werde? Oder werde ich vorher zu Tode erfrieren?
Weiter und weiter schleppe ich mich durch diese trostlose Kälte, stark zitternd und zunehmend an Kraft verlierend
Nach unzähligen Schritten mache ich Halt und kauere mich auf den Boden zusammen. Länger halte ich nicht durch. Was will der Dämon von mir? Warum hat er mich hierher geschickt?
Noch einmal sehe ich mich um, in der Hoffnung etwas in der Tiefe dieses gleißenden Lichts zu finden, welches mir einen Anhaltspunkt liefern könnte. Etwas anderes, als der schwarze gefrorene Fluss, und etwas anderes als die Eisrosen, wenngleich ich jene unter anderen Umständen besser zu schätzen wüsste.
Wie eine Antwort auf meine zunehmende Verzweiflung, wird meine Hoffnung erfüllt. Zu meiner Rechten kann ich in einiger Entfernung etwas mitten im Nichts stehen sehen.
Mit den mir verbleibenden Kräften zwinge ich mich dort hin. Und je näher ich komme, desto mehr erkenne ich. Irgendwann wird mir bewusst, dass das, was ich dort sehe, ein Stuhl ist. Ein gewöhnlicher, hölzerner, hellbrauner Stuhl, der ohne erkennbaren Grund einfach in dieser weißen Wüste steht.
Plötzlich erklingen markerschütternde Schreie aus dem Nichts und ich zucke vor Schreck zusammen. Die Kakofonie aus gequältem Gekreische scheint die gesamte Umgebung zu erfüllen. Es ist so unsagbar laut, dass ich mir meine Ohren zuhalten muss.
Woher kommen diese Schreie bloß? Weshalb schreien diese Stimmen so gequält?
Das Geschrei wird immer lauter und lauter, meine Ohren schmerzen, mein Körper bebt, ich breche unter dem Druck dieses Lärms zusammen und winde mich auf dem Boden. Dieser Schmerz, dieses furchtbare, grauenhafte Geschrei!
Zu einem Zeitpunkt, bei dem ich nicht unweit des Stuhles mich vor Schmerz rankend mit meinem Rücken auf dem Boden liege, fährt mein Blick nach Oben und was ich dort auf mich zukommen sehe, raubt mir den Verstand.
Köpfe.
Tausende abgeschlagene Köpfe fallen so langsam, als würde jemand, oder etwas ihrem Fall entgegenwirken, dem Boden entgegen. Der gesamte Himmel, sofern man diese Richtung den Himmel nennen kann, ist übersäht mit menschlichen Köpfen, die herunter regnen.
Jene Köpfe sind alle mit ihrer Schädeldecke gen Boden gerichtet, am Ende ihres abgetrennten Halses ziehen sie lang gezogene, zähflüssige Seile aus Blut hinter sich her, die bis in die unkenntliche Unendlichkeit des Himmels reichen.
Es regnet Köpfe und mit ihren blutigen Striemen bemalen sie diese blanke, weiße Welt, als würde man mit roten Stiften ein groteskes Bild auf eine ungefüllte Leinwand zeichnen.
Je näher mir die fallenden Schädel kommen, desto mehr erkenne ich. Ihre Gesichter sind schmerzverzerrt, die Münder weit und schreiend aufgerissen.
Furcht fließt durch meine Venen, eine Gänsehaut überdeckt mich, nicht vor Kälte, sondern vor purer Angst. Dies ist reiner Wahnsinn! Horror! Die Hölle!
Anders als bei der Monotonie der Monde, des Flusses und der Eisrosen, die mir bisher begegneten, ist jedes einzelne Haupt von den anderen verschieden. Unterschiedliche Frisuren, unterschiedliche Gesichtszüge, Männer, Frauen, ja sogar Kindsgesichter vermag ich zu erkennen. Doch keines davon kommt mir bekannt vor. Jedes einzelne Gesicht ist das Zeugnis großer Qual, einige sind verunstaltet, manchen fehlen die Augen, andere wurden auf eine bestialische Art und Weise zugerichtet, wie es mich nicht mal in meinen schlimmsten Alpträumen heimgesucht hatte.
Zerfetzte Haut, herausgerissene Kiefer, entstellt und gequält. Wieso? Was ist ihnen geschehen? Warum sehe ich sie? Weshalb bin ich zu diesem Grauen verdammt? Was habe ich verbrochen, um so verflucht zu sein?
Und dieses Geschrei! Dieses schmerzerfüllte Wimmern und Schreien, welches sich zu einer satanischen Symphonie überlagert, aber unerträglich für jeden gesunden Menschen ist.
Sie kommen immer näher, ich kann mich nicht mehr zusammenreißen und obliege meiner Furcht und meiner Pein. Auch ich muss nun schreien. Ich schreie wie jeder andere dieser regnenden Köpfe, mein Herz rast, mein Schmerz lässt sich längst nicht mehr in Worte fassen. Meine Gedanken werden trüb, ich wünsche mir nur noch dieser weißen Hölle zu entfliehen. Ich will fort, ich will dies nicht ertragen!
Gleich erreichen sie den Boden, ich stehe auf und versuche ihnen auszuweichen. Nach und nach schlagen sie auf dem Boden auf und starren mich an. Sie starren mich alle an! Wieso ist ihr Blick auf mich gerichtet? Und weiter schreien sie! Und nun färbt ihr Blut auch den ehemals weißen Boden rot. Ihre Münder sind weiterhin aufgerissen und weiter schreien sie. Sie schreien und schreien und schreien und ich schreie mit ihnen.
Nach und nach sammeln sich die Häupter auf dem Boden, nach und nach verwandelt sich diese einst kalte, tote, weiße Welt in eine blutrote Hölle.
Voller Panik weiß ich nicht mehr, wo ich meine Füße hinbewege. Ungewollt trete ich ausgerechnet auf eines der kindlichen Gesichter. Ein armes kleines Mädchen mit lockerem, blondem Haar, vielleicht nicht älter als vier. Ich rutsche aus und falle nach hinten. Ihre Zähne brechen heraus, ihr unschuldiger Schädel rollt ein kleines Stück über den Boden, bis er von einem der anderen gestoppt wird. Und ich falle mit meinem verfluchten Hinterteil direkt auf dem hölzernen Stuhl. Ob dies eine Perversion von Glück ist, oder aber das Geschick des schwarzen Dämons mein Schicksal lenkt, weiß ich nicht.
Ich kann kaum noch atmen. Zu sehr würgt diese Szenerie des Grauens das Leben aus mir heraus. Auf dem Boden häufen sich die Köpfe. Ich weiß nicht, wo ich hin könnte. Es gibt kein Entrinnen. Sie regenen überall herab. Und alle richten ihre Augen, sofern sie denn welche haben, auf mich. Befangen von Furcht und zerschmettert im Angesicht dieses nicht enden wollenden Horrors bleibe ich wie gefesselt auf dem Stuhl sitzen und bettle innerlich so sehr, wie ich noch nie gebettelt hatte, dass dieses Grauen doch endlich aufhören möge. Tränen fließen mir über das Gesicht. Ich kann das nicht ertragen! Ich kann es nicht!
Der Kopf einer jungen schwarzhaarigen Frau landet auf meinem Schoß. Stark zitternd hebe ich ihn hoch, wage es aber nicht, ihn hinfort zu werfen. Deutlich höre ich durch dieses grauenhafte Getöse hinweg ihre Stimme. Auch sie schreit, wenngleich es dumpfer, als bei den anderen klingt. Ich drehe ihr Haupt, sodass ich ihr in das Gesicht sehen kann. Und als wäre dieser Horror bisher nicht genug, erfasst mich erneut ein gewaltiger Schock, alsbald ich sehe, dass ihre Augen, und ihr Mund grob mit einer Art Stacheldraht zugenäht worden sind. Es verschlägt mir jeden Laut, mein Herz bleibt stehen. Mein Gehirn schaltet sich ab.
Abrupt vertönt unerklärlicherweise jegliches Geschrei und es wird vollkommen Schwarz um mich herum.
Ich sitze im Dunkeln, wissend, ein Meer aus Köpfen vor meinen Füßen zu haben, und mit dem Schädel einer gequälten jungen Frau in meinen Händen.
by
Lupus Terre
Ich blicke in den Spiegel und blicke einem Dämon entgegen. Fies seine silbern weißen Zähne fletschend, es gleicht einem Lächeln, starrt er mir mit ebenso silbern weißen Augen entgegen. Einen Kopf kann ich nicht erkennen. Nur schemenhaft vermag ich einige Konturen seines Schädels wahrzunehmen, der Rest verschmilzt mit jener verfluchten Dunkelheit, wie jene Seele schwarz und verflucht ist.
Das Licht geht aus.
Und dennoch strahlen seine Augen und seine Zähne durch die Dunkelheit hindurch, fast als wäre dieser Dämon ein Drache, dessen Feuer weißes Strahlen ist.
Die Grenze zwischen den Spiegelwelten verschwimmt. Ich stehe ihm gegenüber. In seine ausdruckslosen Augen starrend, spüre ich, wie sein eisiger Atem meiner Haut entgegenströmt.
Ich erzittere nicht vor Angst. Standhaft stur und ausdruckslos blicke ich ihm weiter entgegen, so stur wie sein unablässiges hämisches Grinsen. Speichel fließt zäh über seine spitzen Zähne. Ist er hungrig? Ich verstehe nicht, was er von mir will, was er bei mir sucht, weshalb er sich hinter das Glas meines Spiegels geschlichen hatte.
Plötzlich höre ich, wie er langsam leise lacht. Doch seine Miene verzieht sich dabei nicht. Sein Bildnis ist starr und leblos wie eine Maske.
Lange lacht er nicht, doch ertönt eine Stimme, die von ihm zu kommen scheint, in meinem Geist, sie sagt:
"Ich bin du."
Dann lacht er wieder, als würde es ihn amüsieren mich rätselnd um seine Präsenz zu wissen.
Ich beschließe mein Schweigen zu brechen und lasse eine der Fragen, die in meinem inneren toben, nach außen ertönen:
"Wieso?"
Er ist still, scheint sich seine Worte zu überlegen und flüstert danach wieder in meinem Geist:
"Du hast mich geschaffen."
Die Dunkelheit benebelt meinen Verstand, seine Worte ergeben keinen Sinn für mich. So versuche ich mich auf das Wesentliche zu konzentrieren und frage ihn:
"Was willst du?"
Mit einem Lidschlag legt sich eine Lautlosigkeit um mich, wie ich sie vorher noch nie wahrgenommen hatte, und seine schwarzen Lippen ziehen sich über seine bedrohlichen Zähne hinweg. Ich spüre seinen Atem nicht mehr, sein Grinsen scheint vergangen zu sein und stattdessen tränkt ein stählerner, von kühler Präzision geschmiedeter Blick seine Augen.
Er scheint mir tief in mein Innerstes sehen zu wollen und ebenso zielen seine Worte in das Zentrum meines Geistes:
"Deinen Tod."
Plötzlich zerbricht sein Antlitz, als würde der Spiegel, durch den ich ihn ursprünglich erblickte, in tausende Teile zerfallen. Doch ich höre kein splitterndes Glas, sondern das tiefe, brummende Donnern und Knistern einer Armada aus Blitzen. Kaum ein Atemzug vergeht, ehe Schmerz, milliarden Peitschenhieben und Schwertstichen gleich, sich durch meine fleischliche Hülle hindurch bohrt und mein gesamtes Bewusstsein straft.
Der Halt unter meinen Füßen schwindet, ich breche zusammen, ich falle.
Der Boden, die Wände, meine gesamte Umwelt löst sich auf, wie ein Traum, an den man sich nur mit größter Anstrengung erinnern kann, und zerschmilzt rasant, sodass nichts weiter bleibt als pure Dunkelheit. Selbst das Gesicht des Dämons entreißt sich meiner Wahrnehmung.
Und ich falle.
Ich falle tief, endlos durch die Dunkelheit.
Orientierungslos frage ich mich, ob ich ewig fallen würde, oder ob diese Finsternis ein Zentrum hat, auf welches ich ungebremst zusteuere, ehe mich ein gnadenloses Ende erwarten würde.
Ich winde mich wie von Sinnen, versuche Halt zu finden und mich irgendwo festzukrallen. Doch ich greife in die Leere, egal wo ich hinsehe herrscht das Nichts und Chaos zeichnet mein Gesicht.
Eine Weile vergeht, ehe ich schwach in weiter Ferne unter mir eine langezogene Linie etwas Licht erkennen kann. Mit jedem Moment meines Falls wird es größer und größer.
Das Licht beginnt Gestalt anzunehmen. Es sind rundliche Körper, etwas deformiert, und leuchten nicht in einer einzigen Farbe. Verschiedene Grau- und Silbertöne vermag ich an ihnen zu erkennen. Jeder dieser Körper gleicht dem anderen. Sie sind ordentlich und in regelmäßigen Abständen innerhalb einer geraden Linie aneinandergekettet.
Irgendwann wird mir bewusst: es ist der irdische Mond, schier endlose Male geklont.
Die Sorge, auf einem dieser Monde aufzuprallen, kommt in mir auf, doch ob es Glück, oder Bestimmung ist, dass ich in Wahrheit zwischen ihnen vorbei weiter in die Tiefe der Finsternis hinabfalle, weiß ich nicht.
Ich versuche mich danach umzudrehen, um wenigstens etwas anderes als Schwärze bei meinem Fall mit meinen Augen fesseln zu können, doch ich kann mich nicht mehr bewegen und Falle weiter hinab, bis ich das Licht kaum noch in meiner Nähe weiß.
Und nun, nun höre ich das leise plätschern von Wasser. Mit Mühe und dank der leuchtenden Monde erkenne ich leichte, wandernde Reflektionen einer geschwärzten wässrigen und langgezogenen Oberfläche. Es scheint ein Fluss zu sein, der sich ebenso wie die Monde über ihm, in einer geraden Linie durch die unendliche Dunkelheit zieht.
Ungebremst falle ich auf ihn zu, versuche bereits meinen Atem in meinen Lungen zu fangen, sodass ich nicht darin ertrinken möge, doch kurz vor meinem unmittelbaren Aufprall mit diesem schwarzen Fluss, stoppt mein Fall plötzlich ohne erkennbaren Grund, als würden keine physikalischen Gesetze in dieser Schattenwelt gelten, spüre ich ebenso keine Trägheit und schwebe nun mit meinem Blick nach unten über dem Wasser.
Immer noch bin ich nicht im Stande mich nur im Geringsten zu bewegen, sodass mir nichts übrig bleibt, als meine Augen im schwarzen Wasser zu versenken.
Nach wenigen Sekunden, ich will es kaum wahrhaben, zeichnet sich eine Gestalt unter die unstete Oberfläche.
Es ist das Gesicht des Dämons, es sind seine toten silber weißen Augen, die mir wieder tief in mein Bewusstsein blicken, es ist sein hämisches Grinsen, welches seine tödlichen silber weißen Zähne mir zeigen, und sein leises lachen, welches meinen Hörsinn flutet und sein bedrohliches Flüstern, das mir sagt:
"Es ist soweit."
by
Lupus Terre