Sonntag, 17. Mai 2015

Unvergessen


Ich werde es nicht vergessen,
dein Gesicht und deine Taten
Und ich werde nicht vergessen,
was du mir alles gabst

Ob schwarze Wolken den Himmel verdecken,
oder die Sonne den Tag verkleidet
Irgendwo wird sich immer dein Bild
in den Schatten verstecken

Ich werde es nicht vergessen,
deinen Duft und deine Farben
Und ich werde nicht vergessen,
wie du mir alles nahmst

Du schenktest mir Freude
und am Ende Trauer
Zeigtest mir das Feuer
und hast mich verbrannt

Doch ich werde nicht vergessen,
wie wir zusammen lachten
Und ich werde nicht vergessen,
wie wir die Welt betrachten

Egal, wo ich mich auch befinde
Ich spüre deine Gegenwart tief in mir
Ob beim Klang des Klaviers,
oder beim Gang durch Städe

Doch ich werde nicht vergessen,
wie du mich verlassen hast
Und ich werde nicht vergessen,
wie du mich betrogen hast

Es gibt Tage, trocken, trüb und ohne Sinn
an denen ich vergesse, wer ich bin
Dann gibt es Nächte, nass, schwarz und dennoch klar
in denen ich vergesse, wer ich war

Stehe ich wieder an jener Brücke,
an der wir uns einst trafen,
und blicke ich in das Schwarz hinein,
so will ich springen, doch ich kann nicht

Stattdessen suhle ich mich im Dreck
Füttere meine Wunden mit alten Wünschen
Sehne mich fort - will einfach weg
Will vergessen, will nicht mehr wissen

Doch meine Gedanken explodieren,
rasen, jagen, stürzen, kriechen,
und steigen letztlich wieder auf
Nur, um mich mit Schuld zu beladen
mit meinem Versagen
mit deinem Betrug
Nur, um wieder daran zu denken,
was ich versäumt habe
was du verbrochen hast
Nur, um mich wieder zu quälen
mit den Momenten, in denen ich dich verlor
mit den Momenten, in denen du mich aufgabst

Und ich versuche
Und ich kämpfe
Und ich mache einfach stur weiter
Als hätt's dich nie gegeben
Als hätt' ich nichts verloren
Doch die Wahrheit ist,
ich kann das schon längst nicht mehr

Kann kaum klar denken,
mich nicht ablenken
Kann es noch immer nicht fassen
fange an mich selbst zu hassen
Kann nicht mehr
Will nicht mehr
Es hat kein Ende

Ich ertrinke in der Flut der Erinnerung
Hänge am Galgen der Vergangenheit
Sieche ohne Grund zu leben vor mich hin
Werde zur Beute meiner Selbst

Ich versuche alleine diese Last zu stemmen,
doch es ist als würden kalte, scharfe Klauen
mich von innen zerreissen
und alles, was mich ausmacht, zerfetzen

Ich versuche die Fassung zu wahren
Mühsam ein Loch nach dem anderen zu stopfen
Doch irgendwo brechen wieder Narben
Und mein Geist löst sich in ihnen auf

Doch ich werde nicht vergessen,
wie wir einst die Tage bestritten
Und ich werde nicht vergessen,
wie wir gemeinsam litten

Ich werde nicht vergessen,
was du mich alles lehrtest
Und ich werde nicht vergessen,
wie du dann plötzlich von uns gingst

Ich werde dich nicht vergessen
Ich werde es nie vergessen
Ich werde nicht vergessen
All das bleibt stetig fort nur eines:
Unvergessen.



~ Lupus Terre



Freitag, 8. Mai 2015

Der Namenlose III ~ Die Körperlose

Kein Licht kann ich erblicken. Keinen Laut kann ich erhöhren. Alles, was ich wahrzunehmen vermag, ist der Kopf, den ich in meinen zitternden Händen halte, sowie die eisige Kälte und ein nach und nach intensiver werdender Gestank von faulendem Fleisch. Es graut mich auch nur daran zu denken woher er stammt. Doch ich kann nicht verleugnen, was ich vor wenigen Momenten noch erlebt habe.
Die fallenden Köpfe. All die gequälten Seelen, die um ihr Erbarmen winselten, deren Geschrei meinen Geist zerrütteten. Sie alle liegen zu Schichten angehäuft vor meinen Füßen. Und einen dieser Köpfe halte ich sogar in meinen Händen.
Ihr Fleisch ist kalt, nicht aber so kalt wie die Luft in dieser endlosen Dunkelheit. Und ihre Haut fühlt sich kühl und hart an. Ich möchte nicht daran denken, dass dieser Schädel losgelöst von seinem Körper ist. Was soll ich tun? Was soll ich bloß tun? Was ist das für eine verzerrte Realität? Was ist das für ein Alptraum, aus dem es kein Erwachen gibt?
Der Kopf. Ich halte den Kopf eines Menschen in meinen Händen. Den Kopf eines toten Menschen! Eine junge Frau. Ich kann den Anblick nicht vergessen. Ihre Augen und ihr Mund waren mit einer Art Stacheldraht zugenäht. Verkrustetes Blut sprenkelte ihre Wunden.
Was soll das? Warum bin ich hier?
Ich wage es nicht mich zu bewegen. Ich will mich nicht bewegen. Zu groß ist meine Furcht davor durch das Meer aus Köpfen zu schreiten. Zu groß meine Furcht davor, was als nächstes geschehen könnte. Verflucht! Wieso bin ich hier?
Plötzlich werde ich von rotem Licht eingehüllt. Es blendet erst meine Augen, doch sie gewöhnen sich schnell daran. Es ist nicht sehr hell, doch blutrot. So rot wie das Blut all derer, die vom Himmel fielen. Als ich meine Augen öffne, fällt mein Blick in die Finsternis. Das rote Licht scheint nur in einem kleinen kreisförmigen Bereich um mich herum zu strahlen und hat keine erkennbare Quelle. Es ist nicht breitflächig genug, um etwas, das sich auch nur fünf Schritte von mir weg befindet, zu erkennen, jedoch genug, um all die Köpfe in meiner unmittelbaren Nähe zu sehen. Nicht zuletzt denjenigen, den ich in meinen Händen halte.
Ich frage mich, welcher Schrecken mich nun erfahren wird und richte meinen Blick hinunter zur jungen Frau.
Das dunkle, rote Licht lässt die Blutflecken in ihrem so jugendlichen Gesicht unsichtbar wirken. Ein geringer Trost, wenn ich bedenke, welche Qualen ihr widerfahren sein müssen, als ihr diese Drähte durch die Haut gezogen worden sind. Werde ich ebenfalls so enden?
Was hat der Dämon mit mir vor? Wieso hat er mich in diese Hölle verbannt?
Ich werde wohl niemals die Antworten auf meine Fragen erhalten, also bleibt mir nicht mehr übrig, als mich auf jene Dinge zu konzentrieren, auf die ich vielleicht Einfluss ausüben kann.
Also untersuche ich, immer noch zitternd, den Kopf genauer.
Abgesehen von den grotesken Qualen, die man ihr antat, kann ich jedoch nichts erkennen, was mich auch nur irgendwie weiter brächte. Kurze schwarze Haare, ein jugendliches Gesicht, verkrustetes Blut an dem Stumpf, der einst ihr Hals zu sein pflegte. Und diese Drähte, die aus dünnen schwarzen, metallischen Fasern beschaffen sind, von welchen zahlreiche kleine Stacheln abstehen.
Wieder blitzt eine Frage durch meinen Geist. Wird mir das selbe widerfahren? Ist es das, was der Dämon mit mir vorhat? Will er mich erst durch den größten Schrecken meines Lebens jagen, um mir dann zuletzt physische Qualen zu bescheren, sodass ich ein Teil jener Köpfe werde, die irgendwann auf jemand anderen herunterregnen? Er sagte, er wolle meinen Tod. Will er es auf diese Weise erreichen?
Der Gedanke, aus dieser Hölle nie wieder fliehen zu können, lässt mich erschaudern. Gibt es denn kein Entkommen?
Ich nehme all meinen Mut zusammen und schreie verzweifelt in die Finsternis hinaus:
"Wenn du meinen Tod willst, wieso bringst du es dann nicht sofort zuende?"
Doch keine Antwort erlöst mich. Ist dies ein Racheakt? Rache wofür? Was habe ich bloß verbrochen?
Ich senke meinen Blick. Meine Augen richten sich auf das Gesicht der bemitleidenswerten Frau, deren Kopf ich immer noch in den Händen halte.
Ich versuche mir auszumalen, was sie für ein Mensch gewesen sein könnte, wie wohl ihr Name war, wo sie lebte und was sie bisher in ihrem Leben durchgemacht hatte. Meine rechte Hand fährt ihr durchs Haar. Wenngleich ihr Schicksal grausam ist und ihre Überreste grotesk misshandelt worden sind, vermag ich einen gewissen Glanz in ihrem Antlitz zu erkennen. Stellt man sich vor, wie sie ohne diese Verunstaltungen ausgesehen haben muss, so kommt man zu dem Schluss, dass sie wunderschön gewesen ist. Prachtvolles, langes, schwarzes Haar. Ihre Haut sanft und sonnengefärbt. Bloß die Farben ihrer Augen kann ich mir nicht vorstellen. Sie war sicherlich eine gute Seele. Ich bemerkte keine Spuren der Verwesung. Sie war wie eingefroren.
Mein Blick festigt sich an den Lidern ihrer Augen.
Als ich überlegte, ob ich nicht aufstehen und doch wieder versuchen sollte einen Ausweg aus diesem Alptraum zu finden, bewegten sich ihre Augen unter den Lidern auf ein mal hastig. So, als würden sie panisch versuchen etwas zu sehen.
Ich schrecke zurück, mein Atem setzt aus. Wie ist das möglich?
Nun gab sie auch noch Laute von sich. Als würde sie durch den zugenähten Mund zu sprechen versuchen. Es ist jedoch durch und durch nur ein Genuschel, vollkommen unverständlich.
Scheinbar begreift die junge Frau, was mit ihr geschehen ist und sie fängt an Laute von sich zu geben, die einem Wimmern gleich kommen.
Was soll ich bloß tun? Wenn ich sie doch irgendwie von diesen Drähten befreien könnte! Aber ich sehe keinen Weg, der dies schmerzfrei bewerkstelligen könnte. Dafür würde ich Werkzeug benötigen.
Aus dem Wimmern wurde rasch ein schmerzerfülltes Schreien, als sich ihre Lippen im selben Moment stärker zu bewegen begannen.
Offenbar versucht sie ihren Mund zu öffnen. Sie widersetzt sich den Schmerzen und reißt ihr Fleisch durch die schwarzen dornigen Drähte hindurch! Das Blut quillt an ihren Wunden hervor, wieso lässt sie es nicht sein?
Und sie schreit mit jedem Stück, das sie sich befreien kann, lauter.
Der Irrsinn dieser Szenerie überfordert mich. Instinktiv lasse ich ihren Kopf fallen, als wäre es etwas gefährliches und halte inne. In der Furcht, es wird etwas schreckliches folgen, beginnt mein Herz zu rasen. Wenn ich doch wüsste, was ich tun kann!
Sie hat es geschafft ihre Lippen den Drähten gewaltsam zu entreißen. Sie schreit qualvoll. Ich will ihr helfen, aber was soll ich tun? Was soll ich denn nur tun?
Während ich in meiner Ahnungslosigkeit verzweifle, scheint sie auch ihre Augen befreien zu wollen. Doch zu schwach sind ihre Lider, als dass sie den stählernen Fesseln entkommen könnten.
Ihre Pein sprengt die Ausmaße meines Vorstellungsvermögens, was sie doch durchleiden muss!
Das Geschrei lässt nach, stattdessen stolpern stotternd Wortfragmente aus ihrem zerschlissenen Mund.
"Hilf", sie pausiert, es kostet sie große Anstrengung, dann fährt sie fort, "... mir!".
In der Hoffnung, dass es dem gequälten Wesen helfen würde, nehme ich meinen Mut zusammen, um ihren Kopf wieder vom rot erleuchteten Boden aufzuheben.
Ein starkes Zittern liegt in meiner Stimme, als ich frage: "Wie? Wie kann ich helfen?"
Erneut versucht sie mir angestrengt etwas mitzuteilen: "Gib... mir...", sie pausiert, doch beendet ihren Satz nicht. Ich frage: "Was? Was soll ich dir geben?"
Als wäre es der letzte Atemzug, den sie machen konnte, zwingt sie weitere Worte hinaus: "... meinen Körper."
Danach erschlaffen ihre Lippen, ihre Augen zeugen nicht mehr von Bewegung.
In der Hoffnung, dass sie mich dennoch irgendwie höhren kann, erbitte ich eine Antwort: "Wie? Wie soll ich dir deinen Körper geben?"
Doch sie schweigt, scheint tot zu sein, wieder.
Vielleicht ist dies ein Rätsel. Ein makaberes, grausames Rätsel. Der Dämon stellt mich offenbar auf die Probe. Vom Himmel sind lediglich Köpfe herabgeregnet, keine Körper, oder etwa doch? In dieser Masse und inmitten des Horrors muss ich meine Wahrnehmung anzweifeln. Mir ist vielleicht etwas entgangen. Vielleicht gibt es Hoffnung für mich und ich kann fliehen, wenn ich dieses Rätsel lösen kann.
Ich höre etwas. Eine Folge von Geräuschen, langsam, aber allmählich deutlicher werdend. Es ist mir vorher nicht bewusst gewesen, doch es war da, seit die Frau ihr letztes Wort veräußerte. Es war lediglich leiser, kaum hörbar.
Diese Geräusche ähnelten, als würden kleine, nasse Säcke aneinander vorbeigeschoben werden. Als ich diese Ähnlichkeit auf meine Situation übertrage, wird mir klar: es sind die Köpfe!
Jemand, oder etwas, scheint sich offenbar durch diesen Teppich lebloser menschlicher Köpfe hindurch zu bewegen.
Geduldig warte ich auf meinem Platz, erwarte die nächste Tortur, die der Dämon sich für mich erdachte.
Dann endlich sehe ich ihn.
Ihren Körper.



by
Lupus Terre



Mittwoch, 28. Januar 2015

Der Namenlose II ~ Die Odyssee des Verfluchten

"Es ist soweit", ertönt die Stimme des Dämons, ohne dass er dafür auch nur einen Muskel seines grässlichen Gesichts rühren muss.
Wird es nun geschehen? Wird er mich eins werden lassen mit der unsagbar gewaltigen Finsternis? Wird jede Spur meiner Existenz vom Nichts verschlungen?
Doch nichts geschieht. Der Dämon lacht lediglich und starrt mich mit seinen silber-weiß leuchtenden Augen an. Hofft er Furcht in mir zu finden?
Ich ringe mich dazu durch ihm eine Frage zu stellen, obgleich ich mir denke, dass mich nur weitere Rätsel erwarten werden.
"Was ist soweit?", frage ich.
Der Dämon reagiert nicht. Selbst durch die unstete Oberfläche des schwarzen Flusses hindurch zeigt sich sein Antlitz steinern und leblos.
Nach wenigen Augenblicken verstummt allerdings sein Kichern und er selbst gleitet hinab in die Tiefe, bis das Licht der Monde ihn nicht mehr erreicht. Und ich selbst schwebe immer noch wie gelähmt über dem Wasser.
Dies ist ein seltsamer Ort, ich verstehe ihn nicht, ich verstehe nicht, weshalb ich hier bin.
Der Dämon sagt er sei mein Geschöpf, er sagt, er wolle meinen Tod. Doch weshalb? Was geschieht hier bloß?
Plötzlich löst die Kraft, die mich bisher über dem Wasser hielt, ihr Wirken und ich platsche unvorhergesehen in den Fluss hinein. Meinen Atem halte ich an, da ich mich immer noch nicht bewegen kann, und wenigstens versuchen will nicht zu ertrinken.
Ungeachtet der Luft in meiner Lunge, sinke ich durch den Fluss. Das Wasser ist weder kalt, noch warm. Wären die Feuchtigkeit und die geringen Strömungen nicht, so würde ich gar nicht spüren, dass ich mich im Wasser befinde.
Allmählich versiegt mein Vermögen die Luft anzuhalten. Mein unmittelbares Ende scheint bevorzustehen. Ich werde nicht kämpfen. Es wäre sowieso vergeblich. Ich füge mich meinem Schicksal, schließe meine Augen und öffne meine Atemwege.
Die alte Luft streift an meinem Gesicht vorbei, hinauf zur Oberfläche und an ihrer statt strömt das schwarze Wasser in meinen Körper.
Doch obwohl ich die Qual der Suffokation erwarte, geschieht nichts. Ich scheine noch zu leben, ich atme diese obskure Flüssigkeit ein und aus. Als wäre sie Luft, füllt sie meine Lungen. Es verwundert mich, doch in dieser seltsamen Schattenwelt, sollte ich vielleicht aufhören ihre Mechanismen zu hinterfragen.
So sinke ich also weiter. Der Fluss scheint endlos tief zu sein und ich verliere mein Gefühl für die Zeit.
Ich bin versunken in tiefer, trostloser Dunkelheit.
Kein Licht und kein Geräusch, kein Zeichen von Leben. Nur ich, meine Gedanken und das Nichts. Es macht keinen Unterschied, ob ich meine Augen öffne, oder schließe. Mich umgibt ein und die selbe unendliche Finsternis. Auch der Dämon scheint nun fort zu sein und lauert mir nicht mehr mit seinen Stimmen in meinem Geiste auf.
Als ich beginne mich zu fragen, ob ich nun für alle Ewigkeiten durch dieses schwarze Gebräu sinken werde, erkenne ich in weiter Ferne unter mir ein schwaches Licht aufkeimen. Ebenso wie die Monde bei meinem Fall zum Fluss hinab, und ebenso wie der Fluss selbst, stellt dieses Licht einen Spalt in der ewigen Dunkelheit dar. Ein langgezogenes, scheinbar unendlich weit ausgedehntes, gerades Licht aus purem Weiß. Und ich sinke immer weiter darauf zu.
Irgendwann bin ich dem Licht so nahe, dass ich meine Augen schließen muss. Denn Schmerz sticht in das Innere meiner Sehorgane. Doch selbst jetzt noch strahlt es kräftig durch meine Lider hindurch.
Auf einmal spüre ich etwas kaltes, leichtes und trockenes, das sich um die Oberseite meines Körpers wölbt. Das schwarze Wasser fließt aus meiner Nase und stattdessen scheine ich wieder Luft einzuatmen. Doch sie ist kalt. Eisig kalt. Ich öffne wieder meine Augen, sie haben sich mittlerweile ein wenig an die Helligkeit gewöhnen können. Statt der Finsternis, in der ich mich vormals befand, umgibt mich nun pures Licht. Weder einen Himmel, noch Landschaften und auch keine anderen Gestalten kann ich erkennen. Alles um mich herum ist so weiß, wie ein unbeschriebenes, blankes Blatt Papier.
Hat dieser Fluss keinen Grund? Gibt es stattdessen zwei Oberflächen? Die eine schwärzer als die finsterste Nacht, und die andere heller als der hellste Stern.
Noch immer bin ich wie gelähmt und treibe im Wasser. Doch mit großer Mühe schaffe ich es meinen Blick zu meinen Seiten zu wenden. Ich erkenne an beiden Ufern des schwarzen Flusses jeweils eine einzelne Reihe aus seltsamen Blumen, die wie aus Schnee und Eis geformte Rosen aussehen. Jede gleicht der anderen, sie stehen alle identisch mit ihrer Blüte zum Fluss geneigt, wie Laternen an einer Straße.
Ich treibe an ihnen vorbei und muss mir eingestehen, dass mir dieser Ort weitaus lieber wäre, wenn es doch nicht so fürchterlich kalt wäre. Die Kälte durchdringt mich und ich beginne zu zittern. Aufwärmen kann ich mich jedoch nicht. An diesem Ort bin ich gefangen und ich sehe nichts, was ich tun könnte, um das zu ändern. Der Dämon hat mich hierher gebracht. Der Dämon führte mich in diese eisige, tote, aber auf eine eigene seltsame Art und Weise schöne Welt. Der Dämon treibt ein Spiel mit mir, welches ich bisher nicht durchschauen kann.
"Steh auf!", ertönt seine Stimme unverhofft wieder in meinem Kopf und im selben Moment gefriert der Fluss blitzartig unter mir, ohne mich mit einzuschließen und der Zauber, der mich gelähmt hielt, scheint verschwunden.
Ich richte mich auf. Noch immer zittere ich. Der schwarze Fluss ist zu Eise erstarrt und, ebenso wie die Eisrosen, so kalt wie auch die Luft um mich herum.
Diese Landschaft ist karg, tot und leer. Eine weiße Wüste ebenso gefüllt mit Nichts wie das Dunkel, in welchem ich vorher gefangen war. Ich steige über die Eisrosen hinab und stehe auf festem Boden. Meinen Blick lasse ich weiter Ausschau halten. Doch ich erkenne nichts und bin vollkommen orientierungslos. Also gehe ich am mit Eisrosen geschmückten Ufer des gefrorenen Flusses entlang, den einzigen Dingen, die neben mir an diesem Ort existieren.
Es ist kalt. So furchtbar kalt. Ob ich wohl ein Ende des Flusses erreichen werde? Oder werde ich vorher zu Tode erfrieren?
Weiter und weiter schleppe ich mich durch diese trostlose Kälte, stark zitternd und zunehmend an Kraft verlierend
Nach unzähligen Schritten mache ich Halt und kauere mich auf den Boden zusammen. Länger halte ich nicht durch. Was will der Dämon von mir? Warum hat er mich hierher geschickt?
Noch einmal sehe ich mich um, in der Hoffnung etwas in der Tiefe dieses gleißenden Lichts zu finden, welches mir einen Anhaltspunkt liefern könnte. Etwas anderes, als der schwarze gefrorene Fluss, und etwas anderes als die Eisrosen, wenngleich ich jene unter anderen Umständen besser zu schätzen wüsste.
Wie eine Antwort auf meine zunehmende Verzweiflung, wird meine Hoffnung erfüllt. Zu meiner Rechten kann ich in einiger Entfernung etwas mitten im Nichts stehen sehen.
Mit den mir verbleibenden Kräften zwinge ich mich dort hin. Und je näher ich komme, desto mehr erkenne ich. Irgendwann wird mir bewusst, dass das, was ich dort sehe, ein Stuhl ist. Ein gewöhnlicher, hölzerner, hellbrauner Stuhl, der ohne erkennbaren Grund einfach in dieser weißen Wüste steht.
Plötzlich erklingen markerschütternde Schreie aus dem Nichts und ich zucke vor Schreck zusammen. Die Kakofonie aus gequältem Gekreische scheint die gesamte Umgebung zu erfüllen. Es ist so unsagbar laut, dass ich mir meine Ohren zuhalten muss.
Woher kommen diese Schreie bloß? Weshalb schreien diese Stimmen so gequält?
Das Geschrei wird immer lauter und lauter, meine Ohren schmerzen, mein Körper bebt, ich breche unter dem Druck dieses Lärms zusammen und winde mich auf dem Boden. Dieser Schmerz, dieses furchtbare, grauenhafte Geschrei!
Zu einem Zeitpunkt, bei dem ich nicht unweit des Stuhles mich vor Schmerz rankend mit meinem Rücken auf dem Boden liege, fährt mein Blick nach Oben und was ich dort auf mich zukommen sehe, raubt mir den Verstand.
Köpfe.
Tausende abgeschlagene Köpfe fallen so langsam, als würde jemand, oder etwas ihrem Fall entgegenwirken, dem Boden entgegen. Der gesamte Himmel, sofern man diese Richtung den Himmel nennen kann, ist übersäht mit menschlichen Köpfen, die herunter regnen.
Jene Köpfe sind alle mit ihrer Schädeldecke gen Boden gerichtet, am Ende ihres abgetrennten Halses ziehen sie lang gezogene, zähflüssige Seile aus Blut hinter sich her, die bis in die unkenntliche Unendlichkeit des Himmels reichen.
Es regnet Köpfe und mit ihren blutigen Striemen bemalen sie diese blanke, weiße Welt, als würde man mit roten Stiften ein groteskes Bild auf eine ungefüllte Leinwand zeichnen.
Je näher mir die fallenden Schädel kommen, desto mehr erkenne ich. Ihre Gesichter sind schmerzverzerrt, die Münder weit und schreiend aufgerissen.
Furcht fließt durch meine Venen, eine Gänsehaut überdeckt mich, nicht vor Kälte, sondern vor purer Angst. Dies ist reiner Wahnsinn! Horror! Die Hölle!
Anders als bei der Monotonie der Monde, des Flusses und der Eisrosen, die mir bisher begegneten, ist jedes einzelne Haupt von den anderen verschieden. Unterschiedliche Frisuren, unterschiedliche Gesichtszüge, Männer, Frauen, ja sogar Kindsgesichter vermag ich zu erkennen. Doch keines davon kommt mir bekannt vor. Jedes einzelne Gesicht ist das Zeugnis großer Qual, einige sind verunstaltet, manchen fehlen die Augen, andere wurden auf eine bestialische Art und Weise zugerichtet, wie es mich nicht mal in meinen schlimmsten Alpträumen heimgesucht hatte.
Zerfetzte Haut, herausgerissene Kiefer, entstellt und gequält. Wieso? Was ist ihnen geschehen? Warum sehe ich sie? Weshalb bin ich zu diesem Grauen verdammt? Was habe ich verbrochen, um so verflucht zu sein?
Und dieses Geschrei! Dieses schmerzerfüllte Wimmern und Schreien, welches sich zu einer satanischen Symphonie überlagert, aber unerträglich für jeden gesunden Menschen ist.
Sie kommen immer näher, ich kann mich nicht mehr zusammenreißen und obliege meiner Furcht und meiner Pein. Auch ich muss nun schreien. Ich schreie wie jeder andere dieser regnenden Köpfe, mein Herz rast, mein Schmerz lässt sich längst nicht mehr in Worte fassen. Meine Gedanken werden trüb, ich wünsche mir nur noch dieser weißen Hölle zu entfliehen. Ich will fort, ich will dies nicht ertragen!
Gleich erreichen sie den Boden, ich stehe auf und versuche ihnen auszuweichen. Nach und nach schlagen sie auf dem Boden auf und starren mich an. Sie starren mich alle an! Wieso ist ihr Blick auf mich gerichtet? Und weiter schreien sie! Und nun färbt ihr Blut auch den ehemals weißen Boden rot. Ihre Münder sind weiterhin aufgerissen und weiter schreien sie. Sie schreien und schreien und schreien und ich schreie mit ihnen.
Nach und nach sammeln sich die Häupter auf dem Boden, nach und nach verwandelt sich diese einst kalte, tote, weiße Welt in eine blutrote Hölle.
Voller Panik weiß ich nicht mehr, wo ich meine Füße hinbewege. Ungewollt trete ich ausgerechnet auf eines der kindlichen Gesichter. Ein armes kleines Mädchen mit lockerem, blondem Haar, vielleicht nicht älter als vier. Ich rutsche aus und falle nach hinten. Ihre Zähne brechen heraus, ihr unschuldiger Schädel rollt ein kleines Stück über den Boden, bis er von einem der anderen gestoppt wird. Und ich falle mit meinem verfluchten Hinterteil direkt auf dem hölzernen Stuhl. Ob dies eine Perversion von Glück ist, oder aber das Geschick des schwarzen Dämons mein Schicksal lenkt, weiß ich nicht.
Ich kann kaum noch atmen. Zu sehr würgt diese Szenerie des Grauens das Leben aus mir heraus. Auf dem Boden häufen sich die Köpfe. Ich weiß nicht, wo ich hin könnte. Es gibt kein Entrinnen. Sie regenen überall herab. Und alle richten ihre Augen, sofern sie denn welche haben, auf mich. Befangen von Furcht und zerschmettert im Angesicht dieses nicht enden wollenden Horrors bleibe ich wie gefesselt auf dem Stuhl sitzen und bettle innerlich so sehr, wie ich noch nie gebettelt hatte, dass dieses Grauen doch endlich aufhören möge. Tränen fließen mir über das Gesicht. Ich kann das nicht ertragen! Ich kann es nicht!
Der Kopf einer jungen schwarzhaarigen Frau landet auf meinem Schoß. Stark zitternd hebe ich ihn hoch, wage es aber nicht, ihn hinfort zu werfen. Deutlich höre ich durch dieses grauenhafte Getöse hinweg ihre Stimme. Auch sie schreit, wenngleich es dumpfer, als bei den anderen klingt. Ich drehe ihr Haupt, sodass ich ihr in das Gesicht sehen kann. Und als wäre dieser Horror bisher nicht genug, erfasst mich erneut ein gewaltiger Schock, alsbald ich sehe, dass ihre Augen, und ihr Mund grob mit einer Art Stacheldraht zugenäht worden sind. Es verschlägt mir jeden Laut, mein Herz bleibt stehen. Mein Gehirn schaltet sich ab.
Abrupt vertönt unerklärlicherweise jegliches Geschrei und es wird vollkommen Schwarz um mich herum.
Ich sitze im Dunkeln, wissend, ein Meer aus Köpfen vor meinen Füßen zu haben, und mit dem Schädel einer gequälten jungen Frau in meinen Händen.



by
Lupus Terre