Montag, 1. Juni 2015

Friss, oder stirb!

Am Rande mentaler Stabilität und umzäumt von einer unaussprechlichen Masse an Wahnsinn kauerst du dich in eine sichere, bequeme Ecke deines Verstandes. Du versuchst zu ignorieren, was um dich herum geschieht, versuchst wegzudenken, wie viel Scheißdreck deine Seele zermatert. Ein Selbstschutzmechanismus? Inwiefern ist es Selbschutz sich vollkommen abzuschotten, nichts und niemanden an sich heranzulassen, sich zu verstecken, wie ein feiges Biest, das versucht dem Zorn seines Meisters zu entfliehen? Die Mauern um deine grotesk geschundene Emotionalität baust du auf naive Lügen, unsinnige Annahmen, willkürlicher Irrglaube, das sinnlose Wollen und Wunschdenken, Träumereien eines verstörten Kindes, welches den Anblick eines toten Elternteils versucht zu verdauen.
Was hast du davon? Stelle dir diese Frage und beantworte sie ehrlich! Und damit meine ich nicht den augenscheinlichen, oberflächlichen Grund des angeblichen Selbstschutzes. Das ist eine freche Lüge. Gehe in dich, und versuche herauszufinden, was der Grund für dieses jämmerliche Verhalten ist!
Womöglich erkennst du noch rechtzeitig, dass es eine verderbliche Mixtur aus purer Angst und Überdruss ist. Überdruss an dem sich ewig weiterdrehendem Rad des Lebens, welches dir immer wieder irgendeine neue Hölle reinwürgt, dir immer wieder irgendeinen Bullshit auftischt, den du runterschlucken sollst.
Und du hast Angst davor. Dein Selbst, dein Inneres, deine Seele, das, was andere einst dazu befähigt hatte dich als zusammenhängende und eigenständige Persönlichkeit zu identifizieren, ist mittlerweile zu nichts anderem als einem kümmerlichen, zerfetzten Lumpen Dreck verkommen. Tatsächlich bist du daran nicht mal zwangsweise selber Schuld, doch dir sollte ebenfalls klar sein, dass du aufhören solltest dich in verzweifeltem und wehleidigem Selbstmitleid zu suhlen. Und während du dich zitternd an die letzten Fetzen des Abfalls, den du wie ein blinder Narr dein Selbst nennst, klammerst und festbeißt, weil du Angst davor hast, dass dir auch das noch genommen und in Stücke zerissen wird, entgeht dir eine unabänderliche Wahrheit: Du kannst es absolut nicht verhindern!
Jede Sekunde, die du damit verschwendest den Teil von dir zu retten, der du mal warst, jede Minute, die du damit vergeudest ein neues Loch zu stopfen, dass sich in deine fragile Hülle gefressen hat, jede verfluchte Stunde, die du mit sinnlosen, wahnhaften, und selbstzerstörerischen Gedanken verlierst, verleiht den Monstern und Dämonen in dir nur noch schärfere Zähne und Klauen, um dich Stück für Stück auseinander zu nehmen. Doch dir entgeht das leider. Du drehst dich im Kreis. Es tut mir sehr leid für dich, was du alles hast durchmachen müssen... Glaube mir, ich wünschte so etwas würde dir, mir und so vielen anderen Fleischsäcken auf diesem Planeten nicht widerfahren.
Doch kannst du es ändern? Nein!
Kann überhaupt irgendjemand, irgendetwas an dieser hirnrissigen Tragödie ändern, die wir auf diesem elenden Felsen, in irgendeiner vergessenen Ecke des dunklen und kalten Universums spielen? Nein!
Was bringt es dir dich zu verstecken, dich zurückzuziehen und abzuschotten? Nichts! Du lässt dich dermaßen von deinen Gefühlen der Unzulänglichkeit und deinen Ängsten kontrollieren, dass du vermeidest dich diesen grauenvollen Wahrheiten zu stellen. Ändert sich dadurch etwas? Wird ein Problem auch nur ansatzweise dadurch besser, indem man es ignoriert? Hast du überhaupt irgendeine Veränderung wahrnehmen können, seit du dir diese dämliche Verhaltensweise angeeignet hast? Wohl eher nicht, oder? Wie könntest du denn auch? Denn das würde ja erfordern, dass du deine Augen öffnest. "Aus den Augen, aus dem Sinn"? Fehlanzeige! Du spürst doch auch bei geschlossenen Augen, auch bei geschlossenen Türen, bei abgedichteten Ohren und eingekerkertem Verstand die Höllenqualen, die sich durch das Chaos deiner Gehirnwindungen in die Untiefen deines verstümmelten Herzens bohren! Du versuchst es abzutun, versuchst es auf Gedeih und Verderb nicht wahrzuhaben, du versuchst zu fliehen und wegzulaufen, während du mit den traurigen Resten deiner Kräfte noch versuchst deine Innereien beisammen zu halten und über den löchrigen Asphalt mitzuzerren. Doch egal, wie weit du kommst, egal um wie viele Meter du dich von dem Unwetter entfernt hast, und egal wie lange du in Bewegung bleibst und in welchen Betten du Schutz und Geborgenheit suchst: Es kehrt letztenendes alles immer wieder zu dir zurück. Du bist nie allein und niemals frei. Deine Schatten holen dich immer wieder ein. Das wird sich nicht ändern, solange DU dich nicht änderst.
Und je früher dir das klar wird, desto größer ist deine Chance aus diesem kümmerlichen und bedeutungslosem Stück Scheiße, das man Leben schimpft, noch etwas zu machen, bei dem nicht gleich jedem das Kotzen kommt. Dann hörst du Volltrottel vielleicht endlich mal auf dir selbst in den Schwanz zu beißen und dich wie ein Grenzdebiler im Kreis zu drehen.
Diese elende Existenz wird dir immer wieder emotionale Atombomben zum Dinner servieren, dazu ein Glas gut gegärter Hirnsäure. Dieses verfluchte Leben wird nicht aufhören dich infolgedessen zu zerschlagen und dich zwingen die Trümmerscherben deines vormaligen Selbst in dich hineinzuwürgen. Es wird immer so weiter gehen. Es wird immer wieder brennendes Pech regnen. Es wird immer wieder Dinge geben, die dich zermürben, dich zerkleinern, dich zerfetzen, dich zersetzen, dich zerschlitzen, dich voll und ganz zerstören. Nichts wird besser, absolut nichts! Kapierst du das endlich? Ist dir das klar? Ist dir das bewusst?
Glaube mir, ich kann wohl mehr als alle anderen Arschlöcher auf dieser verfickten Welt nachvollziehen, wie hart das ist, wie elend und ätzend das ist, wie höllisch dieser Schmerz ist und wie schnell einem die Scheiße bis zum Hals steht, sodass man nur noch absolut alles vergessen will, aufhören will zu existieren, weil man keine Lust mehr auf diese Dauerfolter hat, am Ende seiner Kräfte ist, und am Rande eines psychischen Kataklysmus steht, kurz vor einem mentalen und sogar körperlichen Totalausfall. Wie oft hat sich der Tod schon als dein größter Freund vorgestellt..?
Welcher Dachschaden auch immer dich heimsucht - depressiv, suizidal, das ist doch alles scheißegal - du hast nur zwei Möglichkeiten, die dir auch nur im Entferntesten ein Fortkommen versprechen können.
Die eine Möglichkeit kennst du bereits. Du hast oft an sie gedacht. Dich oft danach gesehnt. Der Tod.
Wie oft hattest du schon den Impuls von der nächstbesten Brücke zu springen, oder vor den einfahrenden Zug, vielleicht auch stattdessen die Ausstattung deiner heimischen Küche einer Zweckentfremdung zu unterziehen, die eine ekelhafte Sauerei hinterlassen würde? Und da hörte die Kreativität deiner selbstmörderischen Gedanken sicherlich noch nicht auf.
Klar, das ist für sich genommen eine zunächst logisch klingende Lösung. Stirb, dann ist all das vorbei. Dein Bewusstsein erlischt für immer in der Endlosigkeit des Universums. Man wird dich vergessen. Früher, oder später. Das steht fest. Das steht uns allen bevor. Ein beschissenes Ende, für einen beschissenen Film. Falls du Menschen in deinem Leben hast, die dich lieben, die du vielleicht sogar liebst, so kann ich dir versprechen, dass du der Verantwortliche für eine mindestens ebenso große Hölle sein wirst, wie du sie erlebt hast. Du wirst all jenen ungeheure Schmerzen zufügen. Und während dir selbst in deinen letzten Atemzügen bewusst ist, dass du ein feiges Stück Dreck bist, nicht gewillt die Scheiße zu schlucken, die dir das Leben auftischt, und zugelassen hast dich derart von deinen psychotischen Komplexen einschüchtern zu lassen, dass du diesen - erst logisch klingenden, aber im Nachhinein wirklich dämlichen - Schritt gegangen bist, werden all jene, auf die diese Tat einen Effekt haben wird, ihr Leben lang mit einer tonnenschweren Ladung noch größeren Bullshits als eh schon zu kämpfen haben. Vielleicht scheitern sie selbst sogar irgendwann und folgen deinem Beispiel. Willst du das?
Selbst wenn du niemanden hast und - aus welchen Gründen auch immer - einsam bist (mal abgesehen davon, dass dir sicher klar ist, dass sich auch daran etwas ändern lässt), willst du wirklich dich selbst als das weinerliche Weichei sehen, welches zugelassen hat so zum Opfer seiner Umstände zu werden, dass du diesen bedeuernswerten Schritt unternimmst?
Wünschst du dir das für dich überhaupt?
Jeder Fleischsack auf diesem Felsen möchte doch eigentlich nur eines. Einen kleinen, bescheidenen Tropfen dessen, was sich "Glück" nennt.
Nur deshalb bist du überhaupt da, wo du grade stehst. Du kennst es nicht. Du hast bisher nur in übermäßigem Maße das Gegenteil zu kosten bekommen. Klar, dass du davon die Schnauze gestrichen voll hast. Ich könnte dich jetzt anlügen und dir sagen, dass es besser werden würde, dass sich irgendwann, irgendwie schon alles von selbst richten würde und der Himmel eines Tages auch mal einen Sonnenschein, statt schwarzer Wolken, für dich übrig hat. Doch so wird es nicht sein. Das wird niemals passieren. Nie.
Zumindest nicht, wenn du so weiter machst, wie bisher, und du Trottel vielleicht sogar deine Todessehnsucht verwirklichen willst.
Aber ich möchte dir an dieser Stelle raten nicht so naiv zu sein. Wenn du noch genug Nervenzellen zusammenkratzen kannst, um zu verstehen welche Bedeutung Aneinanderreihungen von Symbolen, wie Buchstaben, versuchen in dein Hirn zu transplantieren, dann ist dir bis hierhin vielleicht mit viel Glück sogar klar geworden, dass es so, wie du es bisher treibst, nicht weitergehen kann. Du verlierst zunehmend die Kontrolle, du kommst nicht mehr dem Flicken deiner Wunden nach. Du verlierst nach und nach dich selbst und wirst zu einem verstümmeltem, nicht näher beschreibbaren Haufen von etwas, das wohl mal irgendwann von einem ehemaligen Du abstammte.
Ich möchte dich auf die zweite Möglichkeit hinweisen, die du ergreifen könntest, um dich aus diesem zerstörerischen Kreis zu befreien: Friss. Friss einfach alles. Friss alles, was dir widerfährt. Friss es! Nähre dich daran! Labe dich daran! Auch, wenn es weh tut und so scheußlich schmeckt wie in Abwasser marinierte faulende Kotzbrocken. Suhle dich darin! Hör auf wegzulaufen, hör auf, es zu ignorieren, hör auf dich zu verstecken, und hab keine Angst! Na los! Komm schon! Friss Scheisse! Du willst es vielleicht nicht, aber es ist der einzige Weg, der dich auch nur ansatzweise aus deinem finsteren Loch ziehen könnte und dich vielleicht mal dorthin führt, wo andere etwas von diesem sagenumwobenen "Glück" kosten konnten. Du wirst Rückschläge erleiden, du wirst leiden. Du wirst vielleicht mal das Glück erleben, ehe es dir wieder genommen wird. Doch dann friss weiter. Schluck die Scheiße runter!
Erst, wenn du gelernt hast zu fressen, kannst du lernen zu verdauen. Und erst, wenn du gelernt hast zu verdauen, kannst du das Gefressene und Verdaute letztenendes ausscheißen und damit endgültig los werden. Aber du bist dann frei davon. Es wird dann nicht mehr in deinem System sein. Es wird dich nicht mehr plagen, es wird dir nicht mehr den Verstand rauben. Nie wieder. Versprochen!
Ich bin der Falsche, um dir zu sagen, wie konkret du das anstellen sollst. Wenn du willst, kann ich aber versuchen dir Rat zu geben und zu sagen, wie ich den aktuellen Bullshit, den mir das Leben serviert, fressen und anschließend verdauen und ausscheiden würde. Vielleicht kannst du mir im Gegenzug dann sagen, wie du das fressen und verdauen würdest, was ich noch lernen muss zu fressen und zu verdauen. Wer weiß. Und ich bin sicher nicht der einzige. Es gibt viele Menschen, die dir sicherlich helfen können und es auch gerne wollen. Es gibt auch speziell dafür ausgebildete Leute. Gehe auf sie zu! Beschreibe ihnen, wonach der Kack schmeckt, vor dem du dich derzeit so ekelst und sie werden dir helfen ihn hinunterzuschlucken und zu verdauen!
Was hast du schon zu verlieren? Du würdest ansonsten doch sowieso früher oder später den Freitod wählen, oder etwa nicht? Sterben werden wir sowieso. Das ist nunmal das traurige und beschissene Ende dieses beschissenen Lebens. Und wenn auch nur der Hauch einer Chance besteht, dass du mit einem kleinen, aber ehrlichen Lächeln abtrittst, dann nutze sie! Dann hat sich all die Mühe gelohnt, dann konntest du deinem bedeutungslosen Leben am Ende vielleicht doch noch einen Funken Glanz und Würde verleihen. Ich rate dir, das zu versuchen. Tue es dirzuliebe! Tue es all den anderen um dich herum zu liebe! Oder tu es nicht und stirb!
Es liegt ganz allein in deiner Hand. Es gibt keinen andere Wahl. Es ist die eine Entscheidung, die niemand anders für dich fällen kann. Nur du ganz allein. Nur du hast die Macht dazu. Egal, wie kaputt und zerstört und am Ende du bist und wie zermodert deine Seele ist. Du musst dich entscheiden.
Friss, oder stirb!


~ Lupus Terre


Sonntag, 17. Mai 2015

Unvergessen


Ich werde es nicht vergessen,
dein Gesicht und deine Taten
Und ich werde nicht vergessen,
was du mir alles gabst

Ob schwarze Wolken den Himmel verdecken,
oder die Sonne den Tag verkleidet
Irgendwo wird sich immer dein Bild
in den Schatten verstecken

Ich werde es nicht vergessen,
deinen Duft und deine Farben
Und ich werde nicht vergessen,
wie du mir alles nahmst

Du schenktest mir Freude
und am Ende Trauer
Zeigtest mir das Feuer
und hast mich verbrannt

Doch ich werde nicht vergessen,
wie wir zusammen lachten
Und ich werde nicht vergessen,
wie wir die Welt betrachten

Egal, wo ich mich auch befinde
Ich spüre deine Gegenwart tief in mir
Ob beim Klang des Klaviers,
oder beim Gang durch Städe

Doch ich werde nicht vergessen,
wie du mich verlassen hast
Und ich werde nicht vergessen,
wie du mich betrogen hast

Es gibt Tage, trocken, trüb und ohne Sinn
an denen ich vergesse, wer ich bin
Dann gibt es Nächte, nass, schwarz und dennoch klar
in denen ich vergesse, wer ich war

Stehe ich wieder an jener Brücke,
an der wir uns einst trafen,
und blicke ich in das Schwarz hinein,
so will ich springen, doch ich kann nicht

Stattdessen suhle ich mich im Dreck
Füttere meine Wunden mit alten Wünschen
Sehne mich fort - will einfach weg
Will vergessen, will nicht mehr wissen

Doch meine Gedanken explodieren,
rasen, jagen, stürzen, kriechen,
und steigen letztlich wieder auf
Nur, um mich mit Schuld zu beladen
mit meinem Versagen
mit deinem Betrug
Nur, um wieder daran zu denken,
was ich versäumt habe
was du verbrochen hast
Nur, um mich wieder zu quälen
mit den Momenten, in denen ich dich verlor
mit den Momenten, in denen du mich aufgabst

Und ich versuche
Und ich kämpfe
Und ich mache einfach stur weiter
Als hätt's dich nie gegeben
Als hätt' ich nichts verloren
Doch die Wahrheit ist,
ich kann das schon längst nicht mehr

Kann kaum klar denken,
mich nicht ablenken
Kann es noch immer nicht fassen
fange an mich selbst zu hassen
Kann nicht mehr
Will nicht mehr
Es hat kein Ende

Ich ertrinke in der Flut der Erinnerung
Hänge am Galgen der Vergangenheit
Sieche ohne Grund zu leben vor mich hin
Werde zur Beute meiner Selbst

Ich versuche alleine diese Last zu stemmen,
doch es ist als würden kalte, scharfe Klauen
mich von innen zerreissen
und alles, was mich ausmacht, zerfetzen

Ich versuche die Fassung zu wahren
Mühsam ein Loch nach dem anderen zu stopfen
Doch irgendwo brechen wieder Narben
Und mein Geist löst sich in ihnen auf

Doch ich werde nicht vergessen,
wie wir einst die Tage bestritten
Und ich werde nicht vergessen,
wie wir gemeinsam litten

Ich werde nicht vergessen,
was du mich alles lehrtest
Und ich werde nicht vergessen,
wie du dann plötzlich von uns gingst

Ich werde dich nicht vergessen
Ich werde es nie vergessen
Ich werde nicht vergessen
All das bleibt stetig fort nur eines:
Unvergessen.



~ Lupus Terre



Freitag, 8. Mai 2015

Der Namenlose III ~ Die Körperlose

Kein Licht kann ich erblicken. Keinen Laut kann ich erhöhren. Alles, was ich wahrzunehmen vermag, ist der Kopf, den ich in meinen zitternden Händen halte, sowie die eisige Kälte und ein nach und nach intensiver werdender Gestank von faulendem Fleisch. Es graut mich auch nur daran zu denken woher er stammt. Doch ich kann nicht verleugnen, was ich vor wenigen Momenten noch erlebt habe.
Die fallenden Köpfe. All die gequälten Seelen, die um ihr Erbarmen winselten, deren Geschrei meinen Geist zerrütteten. Sie alle liegen zu Schichten angehäuft vor meinen Füßen. Und einen dieser Köpfe halte ich sogar in meinen Händen.
Ihr Fleisch ist kalt, nicht aber so kalt wie die Luft in dieser endlosen Dunkelheit. Und ihre Haut fühlt sich kühl und hart an. Ich möchte nicht daran denken, dass dieser Schädel losgelöst von seinem Körper ist. Was soll ich tun? Was soll ich bloß tun? Was ist das für eine verzerrte Realität? Was ist das für ein Alptraum, aus dem es kein Erwachen gibt?
Der Kopf. Ich halte den Kopf eines Menschen in meinen Händen. Den Kopf eines toten Menschen! Eine junge Frau. Ich kann den Anblick nicht vergessen. Ihre Augen und ihr Mund waren mit einer Art Stacheldraht zugenäht. Verkrustetes Blut sprenkelte ihre Wunden.
Was soll das? Warum bin ich hier?
Ich wage es nicht mich zu bewegen. Ich will mich nicht bewegen. Zu groß ist meine Furcht davor durch das Meer aus Köpfen zu schreiten. Zu groß meine Furcht davor, was als nächstes geschehen könnte. Verflucht! Wieso bin ich hier?
Plötzlich werde ich von rotem Licht eingehüllt. Es blendet erst meine Augen, doch sie gewöhnen sich schnell daran. Es ist nicht sehr hell, doch blutrot. So rot wie das Blut all derer, die vom Himmel fielen. Als ich meine Augen öffne, fällt mein Blick in die Finsternis. Das rote Licht scheint nur in einem kleinen kreisförmigen Bereich um mich herum zu strahlen und hat keine erkennbare Quelle. Es ist nicht breitflächig genug, um etwas, das sich auch nur fünf Schritte von mir weg befindet, zu erkennen, jedoch genug, um all die Köpfe in meiner unmittelbaren Nähe zu sehen. Nicht zuletzt denjenigen, den ich in meinen Händen halte.
Ich frage mich, welcher Schrecken mich nun erfahren wird und richte meinen Blick hinunter zur jungen Frau.
Das dunkle, rote Licht lässt die Blutflecken in ihrem so jugendlichen Gesicht unsichtbar wirken. Ein geringer Trost, wenn ich bedenke, welche Qualen ihr widerfahren sein müssen, als ihr diese Drähte durch die Haut gezogen worden sind. Werde ich ebenfalls so enden?
Was hat der Dämon mit mir vor? Wieso hat er mich in diese Hölle verbannt?
Ich werde wohl niemals die Antworten auf meine Fragen erhalten, also bleibt mir nicht mehr übrig, als mich auf jene Dinge zu konzentrieren, auf die ich vielleicht Einfluss ausüben kann.
Also untersuche ich, immer noch zitternd, den Kopf genauer.
Abgesehen von den grotesken Qualen, die man ihr antat, kann ich jedoch nichts erkennen, was mich auch nur irgendwie weiter brächte. Kurze schwarze Haare, ein jugendliches Gesicht, verkrustetes Blut an dem Stumpf, der einst ihr Hals zu sein pflegte. Und diese Drähte, die aus dünnen schwarzen, metallischen Fasern beschaffen sind, von welchen zahlreiche kleine Stacheln abstehen.
Wieder blitzt eine Frage durch meinen Geist. Wird mir das selbe widerfahren? Ist es das, was der Dämon mit mir vorhat? Will er mich erst durch den größten Schrecken meines Lebens jagen, um mir dann zuletzt physische Qualen zu bescheren, sodass ich ein Teil jener Köpfe werde, die irgendwann auf jemand anderen herunterregnen? Er sagte, er wolle meinen Tod. Will er es auf diese Weise erreichen?
Der Gedanke, aus dieser Hölle nie wieder fliehen zu können, lässt mich erschaudern. Gibt es denn kein Entkommen?
Ich nehme all meinen Mut zusammen und schreie verzweifelt in die Finsternis hinaus:
"Wenn du meinen Tod willst, wieso bringst du es dann nicht sofort zuende?"
Doch keine Antwort erlöst mich. Ist dies ein Racheakt? Rache wofür? Was habe ich bloß verbrochen?
Ich senke meinen Blick. Meine Augen richten sich auf das Gesicht der bemitleidenswerten Frau, deren Kopf ich immer noch in den Händen halte.
Ich versuche mir auszumalen, was sie für ein Mensch gewesen sein könnte, wie wohl ihr Name war, wo sie lebte und was sie bisher in ihrem Leben durchgemacht hatte. Meine rechte Hand fährt ihr durchs Haar. Wenngleich ihr Schicksal grausam ist und ihre Überreste grotesk misshandelt worden sind, vermag ich einen gewissen Glanz in ihrem Antlitz zu erkennen. Stellt man sich vor, wie sie ohne diese Verunstaltungen ausgesehen haben muss, so kommt man zu dem Schluss, dass sie wunderschön gewesen ist. Prachtvolles, langes, schwarzes Haar. Ihre Haut sanft und sonnengefärbt. Bloß die Farben ihrer Augen kann ich mir nicht vorstellen. Sie war sicherlich eine gute Seele. Ich bemerkte keine Spuren der Verwesung. Sie war wie eingefroren.
Mein Blick festigt sich an den Lidern ihrer Augen.
Als ich überlegte, ob ich nicht aufstehen und doch wieder versuchen sollte einen Ausweg aus diesem Alptraum zu finden, bewegten sich ihre Augen unter den Lidern auf ein mal hastig. So, als würden sie panisch versuchen etwas zu sehen.
Ich schrecke zurück, mein Atem setzt aus. Wie ist das möglich?
Nun gab sie auch noch Laute von sich. Als würde sie durch den zugenähten Mund zu sprechen versuchen. Es ist jedoch durch und durch nur ein Genuschel, vollkommen unverständlich.
Scheinbar begreift die junge Frau, was mit ihr geschehen ist und sie fängt an Laute von sich zu geben, die einem Wimmern gleich kommen.
Was soll ich bloß tun? Wenn ich sie doch irgendwie von diesen Drähten befreien könnte! Aber ich sehe keinen Weg, der dies schmerzfrei bewerkstelligen könnte. Dafür würde ich Werkzeug benötigen.
Aus dem Wimmern wurde rasch ein schmerzerfülltes Schreien, als sich ihre Lippen im selben Moment stärker zu bewegen begannen.
Offenbar versucht sie ihren Mund zu öffnen. Sie widersetzt sich den Schmerzen und reißt ihr Fleisch durch die schwarzen dornigen Drähte hindurch! Das Blut quillt an ihren Wunden hervor, wieso lässt sie es nicht sein?
Und sie schreit mit jedem Stück, das sie sich befreien kann, lauter.
Der Irrsinn dieser Szenerie überfordert mich. Instinktiv lasse ich ihren Kopf fallen, als wäre es etwas gefährliches und halte inne. In der Furcht, es wird etwas schreckliches folgen, beginnt mein Herz zu rasen. Wenn ich doch wüsste, was ich tun kann!
Sie hat es geschafft ihre Lippen den Drähten gewaltsam zu entreißen. Sie schreit qualvoll. Ich will ihr helfen, aber was soll ich tun? Was soll ich denn nur tun?
Während ich in meiner Ahnungslosigkeit verzweifle, scheint sie auch ihre Augen befreien zu wollen. Doch zu schwach sind ihre Lider, als dass sie den stählernen Fesseln entkommen könnten.
Ihre Pein sprengt die Ausmaße meines Vorstellungsvermögens, was sie doch durchleiden muss!
Das Geschrei lässt nach, stattdessen stolpern stotternd Wortfragmente aus ihrem zerschlissenen Mund.
"Hilf", sie pausiert, es kostet sie große Anstrengung, dann fährt sie fort, "... mir!".
In der Hoffnung, dass es dem gequälten Wesen helfen würde, nehme ich meinen Mut zusammen, um ihren Kopf wieder vom rot erleuchteten Boden aufzuheben.
Ein starkes Zittern liegt in meiner Stimme, als ich frage: "Wie? Wie kann ich helfen?"
Erneut versucht sie mir angestrengt etwas mitzuteilen: "Gib... mir...", sie pausiert, doch beendet ihren Satz nicht. Ich frage: "Was? Was soll ich dir geben?"
Als wäre es der letzte Atemzug, den sie machen konnte, zwingt sie weitere Worte hinaus: "... meinen Körper."
Danach erschlaffen ihre Lippen, ihre Augen zeugen nicht mehr von Bewegung.
In der Hoffnung, dass sie mich dennoch irgendwie höhren kann, erbitte ich eine Antwort: "Wie? Wie soll ich dir deinen Körper geben?"
Doch sie schweigt, scheint tot zu sein, wieder.
Vielleicht ist dies ein Rätsel. Ein makaberes, grausames Rätsel. Der Dämon stellt mich offenbar auf die Probe. Vom Himmel sind lediglich Köpfe herabgeregnet, keine Körper, oder etwa doch? In dieser Masse und inmitten des Horrors muss ich meine Wahrnehmung anzweifeln. Mir ist vielleicht etwas entgangen. Vielleicht gibt es Hoffnung für mich und ich kann fliehen, wenn ich dieses Rätsel lösen kann.
Ich höre etwas. Eine Folge von Geräuschen, langsam, aber allmählich deutlicher werdend. Es ist mir vorher nicht bewusst gewesen, doch es war da, seit die Frau ihr letztes Wort veräußerte. Es war lediglich leiser, kaum hörbar.
Diese Geräusche ähnelten, als würden kleine, nasse Säcke aneinander vorbeigeschoben werden. Als ich diese Ähnlichkeit auf meine Situation übertrage, wird mir klar: es sind die Köpfe!
Jemand, oder etwas, scheint sich offenbar durch diesen Teppich lebloser menschlicher Köpfe hindurch zu bewegen.
Geduldig warte ich auf meinem Platz, erwarte die nächste Tortur, die der Dämon sich für mich erdachte.
Dann endlich sehe ich ihn.
Ihren Körper.



by
Lupus Terre